Donnerstag, 31. Juli 2014

Daumen hoch für Daumen raus

Hallo, liebe Freunde des Sommers! Ich bin in den letzten beiden Wochen einige tausend Kilometer in Deutschland unterwegs gewesen und habe dabei einem gefährlichen Risikosport gefrönt - zumindest, wenn man nach den Reaktionen meiner Familie und Freunde geht. Und damit meine ich nicht das Paragliding, bei dem ich mir vor zwei Jahren tatsächlich böse das Bein verdreht hab (und es trotzdem jedem empfehle als wunderbares Erlebnis).


Nein, ich habe auf einer Autobahnraststätte zwei Anhalter mitgenommen. Männliche. Und dabei bin ich auch noch Wiederholungstäter. So wie Reinhard Mey in seinem Lied "Drei Jahre und ein Tag" dafür plädiert, Handwerker auf der Walz mitzunehmen, breche ich eine Lanze für den Anhalter ohne Zimmermannskluft. Warum? Weil es sich dabei meiner Erfahrung nach um interessante und weltoffene Menschen handelt, deren Geschichten eine lange Autofahrt besser verkürzen können als jedes Hörbuch.

Abdullah und Florens zum Beispiel. Die sind tatsächlich Handwerker, aber nur in ihrer Freizeit per Anhalter unterwegs. "Das ist die beste Art zu reisen", sagt Abdullah, während Florens auf der Rückbank, eingepfercht zwischen Rucksäcken, Zelt und Isomatten, sofort einschläft. Die beiden haben ihren Urlaub an der Ostsee verbracht und sind auf dem Weg zurück nach Baden-Württemberg. Drei Stunden auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten, ist keine Seltenheit, erzählt Abdullah. Aber um vom Strand wegzukommen, hätten sie eine ganze Weile wandern müssen. Ein Autofahrer habe ihnen aus dem Fenster den Hitlergruß gezeigt und gerufen, sie sollten sich mal die Haare schneiden. "Das ist aber eine absolute Ausnahme", versichert der junge Mann. Was ihn am Trampen reizt? Nicht immer zu wissen, wo es einen hin verschlägt und wie lange man braucht, die interessanten Gespräche und nicht zuletzt der Umweltaspekt. Wenn man ohnehin in die gleiche Richtung will, warum nicht die Abgasschleuder vollpacken?

Auch in Deutschland hat er nie Probleme, an sein Ziel zu kommen, sagt Abdullah. Das überrascht mich ein wenig. Denn wenn ich Freunden erzähle, dass ich Anhalter mitnehme, kommt sofort der Satz: "Bist du mutig!" Und das in eher zweifelndem Tonfall. Ist es möglich, von einem kurzen Blick aus dem Fenster auf den Charakter eines Menschen zu schließen? Ich weiß es nicht. Aber ich bilde es mir ein. Und bislang bin ich noch nicht überfallen und ausgeraubt worden, sondern hatte einfach eine gute Zeit: mit den beiden Jungs, die ich nach Silvester von Bayern bis Hessen mitnahm und die mir von einer Straßenparty in Italien erzählten. Keiner verstand den anderen, alle tanzten. Mit dem polnischen Pärchen, das an einem Feiertag im strömenden Regen nahe Chojna stand, weil kein Bus fuhr. Er sprach gut Deutsch und gab mir Tipps, wo die Blitzer auf der Strecke stehen. Ich kenne Leute, die fahren nicht mal zum Tanken nach Polen, weil sie sich im Nachbarland unwohl fühlen. Manchmal scheint das sogar gerechtfertigt, wenn man an den Tankstellenkrieg von Krajnic Dolny, drei Kilometer vor Schwedt, denkt. Aber das heißt nicht, dass ich ein junges Paar zitternd am Straßenrand stehen lasse.

"Du solltest auch mal Anhalter ausprobieren", sagt Abdullah. Wobei er zugeben muss, dass er bislang nur eine einzige Frau getroffen hat, die alleine als Tramperin unterwegs war. Bis nach Belgrad, das fand selbst er gefährlich. Aber ob ich nicht jemanden hätte, der mitmacht? "Schönere Erlebnisse findest du nicht." Und erzählt mir von der Autofahrerin, die mit jugendlichen Nazis diskutiert, um ihnen einen Weg aus ihrem Hass zu zeigen. Na, ich zögere noch. Und bis ich den Mut finde, lasse ich mir von anderen ihre Abenteuer erzählen, die sie am Straßenrand und in fremden Autos erlebt haben. Da fällt mir ein: Ich hoffe, die beiden hatten ein Handtuch dabei...

Freitag, 11. Juli 2014

Merkel for Queen!

Manchmal ist die Wortwahl entlarvend. Wolfgang Schäuble hat in einem Interview bei Phoenix verraten, dass Kanzlerin Angela Merkel "not amused" sei angesichts der neuen Spionageaffären von US-Geheimndiensten. Übrigens: Deren oberste Repräsentant wurde nicht "ausgewiesen", wie verschiedene Medien schreiben, auch wenn sich die Süddeutsche noch etwas glücklicher ausdrückt als die Welt. Die "Aufforderung zur Ausweisung" (hä?) soll eben verhindern, dass die Bundesregierung zum ultimativen Affront greifenund ihn zur "persona non grata" erklären muss. Mir scheint, die deutsche Medienlandschaft ist kollektiv überrascht, dass Merkel endlich mal klare Worte findet, nachdem sie beim NSA-Abhörskandal doch eher zurückhaltend agierte.

Wortwahl ist mein Thema. "Bei der britischen Königin würde man sagen: not amused" war Schäubles genaue Aussage. Flapsig gemeint, klar, aber interessant. Ist Angela Merkel nicht nur "Mutti", sondern auch Königin von Deutschland? Weil sie unangreifbar scheint, immer gediegen, repräsentativ, gefasst, selten echte Gefühle zeigt? Das Bild meiner Mutter von der englischen Königin wird durch eine winzig kleine Episode geprägt, die vor vielen Jahren im Fernsehen am Rande zu sehen war: Elisabeth II. kehrte von einem Staatsbesuch zurück und wurde am Flughafen mit allem Pomp empfangen. Mit dabei auch der kleine Charles, damals nur wenige Jahre alt, herausgeputzt an der Hand seiner Nanny. "Sie hat ihn nicht mal angesehen, während sie die ganzen Politiker begrüßt hat", erzählt meine Mutter noch heute. Das hat sie der Queen nie verziehen, viel mehr als die zurückhaltende Reaktion angesichts des Todes von Lady Diana.

Den Faden kann man weiterspinnen: Die Queen regiert auf Lebenszeit - Merkel forever? bitte nicht! Aber tatsächlich scheint es aktuell keine Alternative zu ihr zu geben, solange der rote Koalitionspartner keinen Sympathieträger gegen sie aufstellen kann. Die englischen Royals stehen wie die deutsche Regierung unter Sparzwang. Und auch wenn Angela Merkel nicht zuletzt ob ihrer Frisur als Zielscheibe des Spottes angefangen hat, entwickelt sich ein Kult um ihren Stil, ob sie beim Fußball jubelt, beim Kanzlerduell eine scheinbar "falsche" Kette trägt oder ihre Hände in der "Merkel-Raute" hält. Die hat sie sich übrigens von Mr. Burns, dem Atomkraftwerk-Besitzer aus den "Simpsons", abgeschaut und einfach umgedreht, damit sie nicht so böse aussieht - "ausgezeichnet". Obwohl keiner so recht weiß, wofür Angela Merkel eigentlich steht, sind 71 Prozent der Deutschen mit ihrer Politik zufrieden. Selbst ich kann mir manchmal nicht helfen und freue mich, wenn ich sie als bunten Farbfleck inmitten der Anzüge anderer Regierungschefs stehen sehe. Dabei, finde ich, nutzt es nichts, sich über die erste Frau an der Spitze eines Staates zu freuen, nur weil sie eine Frau ist.

An einem Punkt hören die Gemeinsamkeiten zwischen Merkel und der britischen Monarchin auf: Die Queen ist zwar das Staatsoberhaupt von Großbritannien, hat aber keine wirkliche Macht. Den Eindruck macht Angela Merkel nun nicht, auch wenn man nicht genau weiß, welche Lobbyisten wo die Strippen zu ziehen versuchen. Würde sich Schäuble manchmal wünschen, "Mutti" hätte nicht so den Daumen drauf?

Montag, 30. Juni 2014

Puppenspieler

Es tut mir leid, aber statt eines normalen Blog-Eintrags gibt es diesmal Werbung. Aber ich bin gerade zu begeistert vom TheaterFigurenMuseum, das ich am Wochenende in Lübeck entdeckt hab. Ich habe so gut wie nie mit Puppen gespielt, sondern mit Kuscheltieren. Schleppte jemand eine Barbie an, mussten wir unsere Fantasie anstrengen um zu erklären, warum da gerade ein menschengroßer Igel vor der Haustür steht. Aber wir reden hier nicht einfach von Puppen, sondern von einer uralten Schauspielkunst, die Menschen seit Jahrhunderten in allen Kulturkreisen ausgeübt haben.

Heute sind viele herumreisende Puppentheater auf irgendwelche Supermarktparkplätze abgeschoben und ansonsten in den Kindergarten verbannt. Für mich gehören die Begegnung mit einem Bauchredner und seinem sprechenden Pfern und eine Marionetten-Gruselgeschichte zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Ich kann heute noch den Grenzsteinversetzer, der nach seinem Tod als Geist herumwandern musste, stöhnen hören: "O Not, o Pein, wohin mit dem Stein?" Von der Augsburger Puppenkiste mal gar nicht zu reden! Als meine Freundin aus Frankfurt Oder sagte, sie kennt Jim Knopf und Lukas nicht, ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, dass wir wirklich in zwei verschiedenen Ländern aufgewachsen sind. Und ihr ging es genauso, weil ich mit Pittiplatsch nichts anzufangen wusste. Im Museumsshop in Lübeck gibt es übrigens beide. Vereintes Deutschland!

Fritz Fey, aus einer Puppenspielerfamilie stammend, hat auf Reisen durch Europa, Asien und Afrika alles gesammelt, was ihm an verschiedenen Theatertraditionen begegnet ist. 1000 Exponate, neben Figuren auch Kulissen, Zeitungsausschnitte, Werbeplakate und Kurzfilme, sind auf mehrere Stockwerke verteilt.

Aufgefallen ist mir das Haus in einer Seitenstraße nahe dem Holstentor eigentlich nur durch diesen beeindruckenden Baum hinter der riesenhohen Mauer. Dass in allen Fenstern Puppen sitzen, fiel mir erst beim Näherkommen auf. Und wer jetzt glaubt, mit dem Kasperle ist es getan, hat sich gründlich geirrt!
Und wenn etwas ins Wasser fallt, dann fress' ich's halt.

Die Sense ist gewetzt.
Aus dem Puppen-Trickfilm "Das Schloss"
Der Expressionismus beeinflusste nicht nur die Malerei.
Ich dachte, diese europäischen Vertreter des Schattenspiels seien detailreich geschnitten, bis ich zu den asiatischen kam:
Ist das eine Stimmung?
Stangen-Schlenkerfiguren gab es schon in der Antike. Die Figuren sind fast menschengroß. Auf Sizilien erzählten Puppenspieler bis ins 20. Jahrhundert hinein Geschichten über den Kampf der Paladine gegen die Sarazenen.

... wobei hier wohl mal der Sarazen gewonnen hat.
Aber auch Marionetten gibt es weit jenseits von Augsburg:
Schaut euch nur mal die beweglichen Augen des Kerls an!
Der Schauspieler in Nigeria trug die Maske, das Reden und Händefuchteln übernahm der kleine Mann auf seinem Kopf.

Ich hätte mir teilweise sogar noch mehr Hintergrundinformationen gewünscht, aber auch so bin ich stundenlang in diese fantastische Welt abgetaucht, die wieder mal zeigt, wie viel alle Menschen gemeinsam haben. Und am Ende konnte ich nicht widerstehen und hab mir eine Handpuppe gekauft. Auf der Heimfahrt hab ich schon mal ein bisschen die Fingerfertigkeit geübt beim Lenken und Schalten - böse, was auch sonst beim bösen Wolf!
Übrigens trägt sich das Museum gerade so selbst. Die Motten aus den alten Stücken rauszuhalten, ist nicht leicht. Also: Unterstützt es mit eurem Besuch, wenn ihr in der Nähe seid!






Freitag, 20. Juni 2014

Asyl mit Rollstuhl

Ein Asylbewerber springt aus dem Fenster, ein anderer arbeitet schwarz, der Dritte wird zusammengeschlagen - Deutsch können sie nach Jahren immer noch nicht. Solche Geschichten habe ich auf einer x-beliebigen Pakbank gehört, als ich mich nur mal getraut habe, mit der Gruppe dort ins Gespräch zu kommen.

Es gehört zu den traurigen Tatsachen, dass langandauernde humanitäre Katastrophen schnell von "aktuelleren" Konflikten aus den Medien vertrieben werden. Eine Tagesschau ist nur eine Viertelstunde lang, der überregionale Nachrichtenteil einer Zeitung umfasst nur soundsoviel Seiten - und solange keine Deutschen betroffen sind, gilt der Nachrichtenwert als gering. Eine Studie kommt schon 2007 zu dem Ergebnis, dass Nachrichten unpolitischer werden, amüsieren wollen und Service bieten - und Themen aus der sogenannten Dritten Welt am ehesten durch das Raster fallen.

Der Bürgerkrieg in Syrien beispielsweise ist von der Ukraine fast völlig verdrängt worden. Er kommt nur dann zur Sprache, wenn es um die konkreten Auswirkungen auf Deutschland geht: Die Angst, dass radikale Kämpfer, die nach Deutschland zurückkehren, hier Anschläge verüben könnten, und die Frage, wie viele Flüchtlinge man aufnehmen kann und will. Mit dem Slogan "Wir sind nicht das Sozialamt der Welt" sind die Rechten in den Europawahlkampf gezogen. Nur leicht abgewandelt war das auch auf den Plakaten der AfD zu lesen und wurde in der letzten heißen Phase sogar von der Kanzlerin angedeutet (da sie ja klare Worte meist scheut). Was hier auf andere EU-Mitglieder gemünzt war, zeigt aber schon durch die Wortwahl "Weltsozialamt", dass es sich gegen alle richtet: eine Mauer um Europa/Deutschland und Ruhe! An das Einzelschicksal denken sie nicht, wollen sie nicht denken. Wer sich, wie einer meiner Lieblings-Autoren Neil Gaiman, vor Ort in einem Flüchtlingslager umsieht, kann angesichts dieser egoistischen Abschottung nur brechen!

Nicht nur die Flüchtlingszahlen aus Syrien sind extrem gestiegen. 2013, schreibt Pro Asyl unter Berufung auf das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, sind 63.000 mehr Menschen aus dem Sudan nach Europa geflohen als im Jahr zuvor. Sudan? Was war da? Der Beginn des Dafur-Konflikts wird mit 2003 benannt, aber ich weiß von meinem Praktikum bei Zeit-Online aus 2004, dass das Morden schon sehr viel länger anhält. Ich kann nicht behaupten, alle Hintergründe begriffen zu haben. Ich möchte nur von meiner Begegnung mit Asylanten aus dem Sudan erzählen. Ich habe sie nicht in der Uckermark getroffen, aber in einer ländlichen Gegend. Das ist das einzige, was ich aus Personenschutz-Gründen dazu sage.

Die Männer auf der Bank wollen ein bisschen Deutsch üben. Ehe ich es mich versehe, sitze ich mittendrin, und im Laufe des Gesprächs wechseln wir ins Englische, weil die Themen zu kompliziert wurden, um sie in der weniger geübten Fremdsprache auszudrücken. Viele der Asylbewerber leben schon seit Jahren in einem deutschen Flüchtlingsheim. Doch solange ihr offizieller Status nicht geklärt ist, gibt es auch keinen Anspruch auf einen Integrationskurs. In Ostprignitz-Ruppin versucht eine Bürgerinitiative, diesem Missstand abzuhelfen, aber das gibt es eben leider nicht überall. Der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung ist auf dem Land oft schwierig, wo Menschen mit einer anderen Hautfarbe noch eine Seltenheit sind.

Umso mehr schütten die Männer mir nach und nach ihr Herz aus. Einer trägt seltsame Narben im Gesicht und erzählt mir, wie er eines Abends einer Gruppe Neonazis begegnete. Er drehte sich um, um davonzulaufen - "und das ist das letzte, woran ich mich erinnere". Er wachte erst drei Tage später im Krankenhaus auf. Trotzdem ist gerade er es, der "die Deutschen" gegenüber seinen Freunden verteidigt. Er ist dafür, die Menschen differenziert zu betrachten. Kaum weniger erschreckend ist die Geschichte des Manns im Rollstuhl. Einmal stand die Polizei im Asylbewerberheim vor seiner Tür, um eine Kontrolle zu machen. Weil im Sudan der Umgang mit "Gesetzeshütern" Folter und Tod bedeuten kann, sprang er in Panik aus dem Fenster - aus dem dritten Stock. Seither ist er querschnittsgelähmt. In Wladimir Kaminers "Russendisko"ging eine ähnliche Geschichte gut aus, weil ein Wahlplakat der Republikaner als rettender Halt diente. Als ich den Asylbewerber im Rollstuhl sehe, kann ich plötzlich nicht mehr so leicht darüber lachen. Ein dritter Sudan-Flüchtling gibt zu, schwarz zu arbeiten. Er hat eine deutsche Freundin und das Gefühl, dass selbst sie keinen Respekt vor ihm hat, weil er in einem Heim wohnt und auf Unterstützung angewiesen ist. "Was bin ich für ein Mann, wenn ich nicht mein eigenes Geld verdiene?", sagt er, das Gesicht voll verletztem Stolz und Trotz.

Ja, sobald man das Einzelschicksal kennt, wird es immer schwieriger, allgemeine Regeln aufzustellen. Wie das die Angestellten der zuständigen Behörden nur aushalten?

Mittwoch, 11. Juni 2014

Eis rund um die Welt



Uh, wie die Sonne scheint, uh, wie die Vögel zwitschern, jammern die Kinder aus Bullerbü. Von mir soll es kein böses Wort über die Sonne geben angesichts der Gewitter, die andere Regionen treffen. Im vergangenen Jahr sind im Altkreis Angermünde 72 Storchenkinder in ihren Nestern ertrunken oder erfroren. In diesem Jahr nisten allein acht Paare im künftigen Europäischen Storchendorf Criewen und staken abends über die abgemähten Heuwiesen, auf der Suche nach Mäusen. Die vom Bevölkerungsschwund geplagte Uckermark soll’s freuen, immerhin lässt sich ein statistischer Zusammenhang herstellen zwischen mehr Störchen und mehr Babys. 




Einen herrlichen Sommerstart hat auch der Eismann am Schwedter Bollwerk. Obwohl aus Meyenburg und erst seit gut zehn Jahren mit seinem Wagen vertreten, gilt er als Schwedter Original und ist sogar auf der großen Wandmalerei am Bühnenturm verewigt. Bei einem Workshop zum Thema Neugestaltung der Uferpromenade benannte die Mehrheit der Schwedter durch alle Altersklassen das Rondell am Eismann als ihren Lieblingsplatz.

Das heißt aber nicht, dass es nie etwas zu meckern gibt. Jüngst habe ich mitbekommen, wie ein Großvater seinem Enkel vorgerechnet hat: „70 Cent für eine Kugel, das sind 1,40 Mark und 2,80 DDR-Mark!“ Ja, es ist schon schlimm genug, sich an eine Währungsreform zu erinnern und an die schönen Preise, die man im Kopf bequemerweise auf dem Stand von 2002 einfrieren konnte. Der Mythos vom „Teuro“ hält sich so penetrant, dass ganze Parteien damit Sitze im EU-Parlament gewinnen - oder auch nicht.

2002 war ich in Neuseeland und musste der deutschen Reiseleiterin, die den Jahreswechsel auf der anderen Seite der Erdkugel verbracht hatte, erst mal die neuen Euro-Münzen zeigen. Damals hatte der Herr-der-Ringe-Boom das Land noch nicht überrollt. Der erste Teil der Trilogie war draußen, die ganze Reisegruppe las Tolkiens Bücher und eine Schokoriegel-Firma verloste den Einen Ring. Neuseeländer wie unser Guide Barry waren milde amüsiert über die Computer-veränderte Landschaft. Der Bauer, der seine Wiese zur Verfügung gestellt hatte, um das Shire zu bauen, hatte sie, wie im Vertrag vereinbart, wieder im Ursprungszustand zurück bekommen. Tatsache: Das Filmset, das man heute besuchen kann ist nicht das Original, sondern nach dem Erfolg der Filme noch einmal neu angelegt. 2002 bekam ich für 70 neuseeländische Cent (35 Euro-Cent) eine Eiswaffel komplett vollgestopft. Das ist heute, wo Jackson-Jünger durchs Land pilgern, auch nicht mehr so.

Au, akutes Fernweh! Und in Neuseeland wäre jetzt Winter...


Samstag, 31. Mai 2014

Dritter Platz bei Schwertkampf-WM



Süßen orientalischen Minzetee trinken unter dem Dach einer weit ausladenden Linde. Wäre das auch möglich gewesen, ohne sich wie die Verwalterin einer hochmittelalterlichen Burg zu kleiden? Klar. Aber so ist es nochmal so schön, das Hussitenfest in Bernau.

Warum faszinieren mich Mittelaltermärkte – das heißt, mich und eine immer größer werdende Zahl von Menschen nicht nur in Deutschland? „Bewusstes Offline-Gehen“, wie es der Autor in einem WDR-Beitrag  nennt, finde ich sehr treffend. Gemeinsam am Lagerfeuer sitzen, handgemachte Musik hören oder selbst singen, Geschichten erzählen, Essen in einem großen Kessel überm Dreibein kochen ... Das macht Spaß, ist erholsam, schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Die Handwerker, Gaukler und Musiker sprühen vor Kreativität. Wann sonst kann man schwedische Musiker auf spanischen Dudelsäcken deutsches Volksliedgut spielen hören?


(Poeta Magica: Man beachte das mittelalterliche Schlagzeug. Der Fuchsfell-besetzte Dudelsack von Holger Funke wurde am Ende mit dem Mikrofon ausgequetscht und zertrampelt, was die Dudelsack-Geschädigten unter den Mittelalterfans freuen wird.)

Touris, die meinen, der Eintritt zu einem Mittelaltermarkt ist zu hoch, haben das Prinzip nicht verstanden: Man geht nicht einmal eine Runde über den Platz und wieder heim. Die Märkte sind dafür gedacht, Zeit dort zu verbringen und sich im Laufe eines Nachmittags und Abends Ritterturniere anzusehen, Schmiede bei der Arbeit, Jongleure, Märchenerzähler, Minnesänger. Ist das Realitätsflucht? Wahrscheinlich, aber auf die bestmöglichste Art. Ist vor dem Fernseher sitzen etwa besser? Die Feuershow vom Pferderücken aus, die Wenzel’s Ritterschaft in Bernau vorführt, ist nicht nur spektakulär, sondern zeugt auch von tiefem Vertrauen zwischen Pferd und Reiter. Man kann ein Pferd nicht mit Prügel dazu bewegen, still und entspannt dazuliegen, während ein Mann über ihm mit einer entflammten Peitsche knallt.


(Leider hatte ich da mein Handy nicht schnell genug aus der Tasche , aber das hier ist auch schick.)

Aber warum selbst gewanden? Das kann ich am besten am eigenen Beispiel erzählen: 2011 bin ich zum ersten Mal in Brandenburg auf einen Mittelaltermarkt gegangen, das Osterspectaculum auf der Burg Beeskow. In einem geliehenen Kleid, weil meine Gewandungen noch bei meinen Eltern zwischengelagert waren – Gewandungen, nicht Kostüme! Da kann man sich Feinde machen. Jedenfalls kam ich morgens auf dem fast leeren Markt an und wurde sofort von den Rittern vom Drachenbanner adoptiert. Abends durfte ich beim Tavernenspiel mitmachen und die Männer mit der Bratpfanne nach Hause jagen und am nächsten Tag war ich gleich wieder da. Sehr lieb waren auch die Heidweilers, die später ein von mir gemachtes Foto für ihr CD-Cover verwendeten.


Wer ein Gewand trägt, gehört gleich mit dazu, kommt mit allen ins Gespräch. In Bernau hab ich den Drachenbanner erstmals nach drei Jahren wiedergesehen – und einen herrlichen Abend mit ihnen verbracht. Wer hat mitgekriegt, dass Deutschland Anfang Mai bei der Weltmeisterschaft fürmittelalterliche Kampfkunst in Spanien gleich zwei dritte Plätze geholt hat? Beim Kampf fünf gegen fünf musste sich das Team nur den USA und Polen geschlagen geben. Und ich hab mit dem Cheftrainer am Tisch gesessen. Er erzählte von einem rumänischen Olympia-Ringer, der mit dem Schwert antrat und vor jedem Kampf sein weißes Zwergkaninchen knuddelte. Das Leben schreibt doch die besten Geschichten.


Mittelaltermärkte nehmen also das Beste vom Mittelalter und lassen die Pest, die Dominanz der Männer, die echten Kriege, das Fronwesen, den Hunger und all das Schlechte weg, was sich keiner ernsthaft zurückwünschen kann, nicht mal die Gruppen, die sehr um Authentizität bemüht sind. Aber echt genug ist es, und das sollten Besucher bedenken. Nicht, dass es ihnen geht wie dem Mann, der dem Schmied in die Esse griff und schrie: „Huch, das ist ja heiß!“ Und um die Frage „Essen Sie das?“ zu beantworten: Natürlich stürmen die Lagerleute am Ende des Tages das nächste McDonalds und schütten den guten Eintopf weg!

Sonntag, 25. Mai 2014

Mitleidsstimmen und rote CDU-Äpfel

"Nehmen Sie meine Karte mit! Aus Mitleid!", ruft der Mit-Zwanziger am FDP-Stand einer Passantin hinterher. Doch auch das Baby, das er sich vor den Bauch geschnallt hat, kann sie nicht erweichen. Jetzt sind die ersten Hochrechnungen da und zeigen: Nur, weil die Drei-Prozent-Hürde bei der Europawahl gefallen ist, kommt die FDP ins Straßburger Parlament. Dabei bestand in der Uckermark, wo zugleich Kreistag gewählt wurde, bei den  Einheits-Wahlplakaten Verwechslungsgefahr mit CDU unbd SPD. Leider gelang es den Rapsgelben auf Europaebene aber nicht, von den Großen zu fischen: Die europafeindliche AfD gewinnt wahrscheinlich bei ihrem Debüt auf Anhieb doppelt so viele Sitze.

Hätte die FDP ohne "Mitleidsstimmen" noch weniger geholt und wäre letztendlich unter "Andere" geführt worden? Gibt es ernsthaft jemanden, der sich von Wahlkampfständen dazu bringen lässt, seine politische Meinung zu ändern? Parteien und manche Politologen schwören auf den "direkten Kontakt zum Bürger", aber mich nervt es, auf der Straße angequatscht zu werden, wenn ich Eis essen will. Der Herr von den Linken schließt daraus gleich auf meine Gesinnung und reagiert beleidigt. Dabei will ich einfach nur kein Pamphlet mit mir rumschleppen, wo nichts drinsteht, was ich nicht schon vorher als einigermaßen politisch interessierter Mensch wusste. Dass ich gestern am Berliner Alexanderplatz den Apfel vom CDU-Stand mitgenommen habe, hatte allein mit meinem Hunger zu tun. Dann war der Apfel auch noch knackig rot - und die Symbolik für die Katz.

Eine reichlich verschwubelt formulierte Studie an der Freien Uni Berlin aus dem Jahr 2012 kommt immerhin zu dem Ergebnis, dass Straßenwahlkampf die Bürger daran erinnert, zur Wahl zu gehen, und Anhänger einzelner Parteien mobilisiert - wenn er schon nicht ihre Meinung ändert. Dasselbe gilt wohl auch für Wahlwerbung, die trotz Keine-Werbung-Einwerfen-Aufkleber in meinem Briefkasten landet. Ich kann mit großer Freude sagen, dass ich jede einzelne Frage des NPD-Bogens "Sind Sie rechtsradikal?" mit Nein beantworten konnte. Einen Sitz kriegen die Neo-Nazis wahrscheinlich trotzdem in Straßburg. Aber die Tierschutzpartei hat mehr Stimmen geholt. Ein Hoch auf die Tierschützer!

Übrigens: Wer heute in der Schwedter Talsandschule wählen gegangen ist, ist wahrscheinlich in der ARD-Hochrechnung mit drin. Diesmal unterscheiden sich die Prognosen der beiden öffentlich-rechtlichen Sender nicht so stark wie in der Vergangenheit. Aber was waren das für komische Figuren auf der quietschgelben Krawatte des ARD-Mitarbeiters? Gummienten? Tiegerenten? Fipsis?