Donnerstag, 26. Februar 2015

Internet, das neue Fernsehen

Ich wollte nie zu diesen Snobs gehören, die über den Niedergang des Fernsehens beklagen. Seit es das Fernsehen gibt, wird darüber geschimpft. Im September 1963 hat sogar die Fernsehzeitschrift (!) "Hörzu" einen Artikel gebracht, in dem ein Hausarzt sich kritisch mit dem Einfluss des Fernsehens auf das Familienleben auseinandersetzt. Spätestens mit der Einführung des Privatfernsehns 1984 sehen viele den Untergang des Niveaus gekommen und machten das gern an "Tutti Frutti" fest.

Aber momentan kann ich auch mal wieder kaum fernsehen. Hier werden Menschen gedemütigt, indem sie Kakerlaken essen, da, indem man auf dem Laufsteg jede Kleinigkeit an ihrem Aussehen oder ihrem Charakter bemängelt. Und ich kenne viele, die das schauen. Nicht, weil sie es gut finden. Langeweile, Ekelfaktor, Schadenfreude? Ich halte mich da raus. Selbst den großen Big Brother-Hype einst habe ich komplett übergangen. In der allerersten Staffel habe ich im Vorbeilaufen an einem Fernseher eine einzige Minute mit diesem Gesicht gesehen und war für den Rest meines Lebens bedient.

Um meinen Snobismus noch weiter zu treiben: Die wenigen Programme, die ich aktuell noch schaue, sind EinsPlus, EinsFestival, ZDFNeo, 3sat und arte. Statt auf RTL suche ich mir Comedy beim NDR. Zu meiner Verteidigung: Mit den Simpsons, gelegentlich Southpark, Big Bang Theory und Game of Thrones kriegt man mich auch dran. Aber: Das sind Formate aus Amerika, und wenn ich die Chance bekomme, schaue ich sie mir lieber auf DVD oder online an, wo ich sie in der Originalsprache habe.

Und hier kommen wir zu meinem Lieblings-Fernsehersatz: Youtube! Hier treffe ich alte Bekannte wieder, die aus der ARD-Mediathek schon wieder rausgeflogen sind aufgrund irgendwelcher Gerichtsurteile: der Tod aus dem Comedy Contest zum Beispiel. Was im Fernsehen zu spät am Abend kommt oder was ich verpasst habe, kann ich hier nachholen, wie meinen Lieblingsjahresrückblick von Urban Priol, für die ich alle anderen gerne sausen lasse. Oder die abgesetzt sind wie "Neues aus der Anstalt" - ein herrlicher Appell für das gute alte Wurstbrot ab Minute zwei. Irgendwann wird jeder große Klassiker mal hier hochgeladen, ob Otto Waalkes, wie er den menschlichen Körper erklärt, oder das geniale Fußballspiel der Philosophen von Monty Pythons mit Aristoteles und Beckenbauer.

Aber natürlich gibt es auch ureigene Formate, die nur für den Videokanal produziert worden sind. Und die müssen gar nicht nur zum Lachen sein. Wenn Kloß und Spinne in der Kneipe am Tresen sitzen und darüber diskutieren, wie gut es ist, dass Nazis böse sind, kann einem das auch mal im Hals stecken bleiben. Als Student der Kinderpsychologie scheut sich "lefloid" nicht, in seinen wöchentlichen, subjektiv gefärbten Nachrichtensendungen, solche heiklen Themen wie Sterbehilfe aufzugreifen und die Jugendlichen zum Nachdenken zu provozieren. Und bei Hyperbol TV ist jede einzelne Folge von "Frag ein Klischee" sehenswert: Fragt einen Soldaten, ob man für den Frieden töten kann, eine Frau mit Kopftuch, ob sich Islam und Feminismus nicht ausschließen und einen Tourette-Kranken, ob er es manchmal ausnutzt, straffrei fluchen zu können. Von den gleichen Machern ist "Disslike", wo sich Promis im weitesten Sinne auf Beschimpfungen via Twitter reagieren. Die meisten kenn ich nicht, aber Jürgen von der Lippe zum Beispiel hat das sehr souverän gemacht.

Und, und, und. Es gibt so viele Talente, die mit Youtube eine Chance bekommen, ein Publikum zu finden (und natürlich auch schon längst irgendwelche Strippenzieher, die darin das große Geld sehen). Ich habe so eine Handvoll, bei denen ich immer wieder reinschaue, wie Jon Cozart, der vierstimmig mit sich selbst singend das Schicksal von Disneyfiguren intelligent mit politischen Themen verknüpft - hier sogar mit deutschen Untertiteln, auch wenn die automatische Übersetzung selbst ein Lacher sein kann. Ein unerschöpfliches Thema sind natürlich Filme und Filmkritiken - und eine der besten Varianten, Logikfehler aufzuzeigen, sind die Zeichentrickfilme, wie sie eigentlich hätten enden müssen.

So, jetzt hab ich euch ein paar Stunden Videomaterial verlinkt. Jetzt wisst ihr, was ich tue, wenn ich krank oder nach einer Zahn-OP verstummt auf dem Sofa liege. Have fun!

Freitag, 13. Februar 2015

Helau, Alaaf, Schandi-Schando - Karneval todernst

Jaja, ich weiß. Wiesbaden bricht schon Brücken ab, um sich gegen den Karnevals-Wahnsinn auf der anderen Rheinseite zu schützen. Schleswig-Holstein bietet sich als Exil an und erklärt, warum die fünfte Jahreszeit die schlimmste des Jahres ist. Aber ich habe hier in Schwedt immer freiwillig die Sitzungen übernommen. Denn so viele Termine, wie man sie in der Uckermark in einer "Session" hat, hat man in Hessen allein an einem Abend! Kinderfasching, Weiberfasching, Prinzenproklamation, Hauptsitzung - und die gleich dreimal -, Kanonenschüsse auf die verfeindete Nachbarstadt zum 11.11.

Ehrlich, da sitze ich die Veranstaltungen hier auf einer Arschbacke ab. Vor allem, weil die uckermärkischen Faschingsfans einen großen Vorteil haben: Sie wissen, wann es gut ist mit einem Witz. Nix vier Stunden Büttenreden, endlose Funkenmariechen-Tänze und ewig in die Länge gezogenen Pointen! Eineinhalb Stunden, knackig kurze Reden, die teils schon Kabarettformat haben, mittendrin Tanz für alle zum Aufwachen. So macht man Fasching in einer Region, wo die Mehrheit ihn hasst - und es lohnt sich, hinzugehen.

Aber im Rheintal nimmt man den Karneval eben nicht nur ernst, sondern todernst, wie Herbert Bonewitz es bei seinem legendären Auftritt als "Prinz Bibi" beschrieb. Damit hat er 1974 die ganze Tradition wunderbar auf die Schippe genommen und ist damit vielen aus der "bundesdeutschen Humormafia" auf die Füße getreten. Im Jahr drauf ist er dann auch ins Kabarett gewechselt. 

Und wenn es um seine Faschingstraditionen geht, da kann der Deutsche richtig ausländerfeindlich werden. Wehe, man ruft in Koblenz "Helau" - es heißt "Olau". Das Kölner Alaaf darf aber auch wirklich nirgendwo sonst erklingen. Und einen kalten Krieg habe ich persönlich in Stuttgart erlebt. Dort kämpfen die Anhänger der schwäbisch-alemannischen "Fasnet" gegen die feindliche Übernahme durch den rheinischen Karneval. Der Oberbürgermeister mag die Prinzessin im Rathaus empfangen, die echten "Larven"-Träger verachten den Pomp zutiefst. 

Ich habe nie eine so seltsame Stimmung erlebt wie dort 2008 beim großen Umzug am Faschingssonntag: Eine Reihe der unterschiedlichsten Traditionsgruppen zieht durch die Innenstadt. Tausende am Straßenrand. Mehr oder weniger schweigend. Bis auf die eine kleine Gruppe, die zufällig den Schlachtruf der gerade vorbeiziehenden Larven kennt. "Schandi-Schando!" Der Rest traut sich nichts zu sagen. Die nächste Gruppe kommt und ein paar andere Zuschauer erkennen sie. "Äiwi voul!" Was bitte? "Hinne Houch", "Sandhase Hopp, Hopp, Hopp", "Frohoi!" - wer soll sich das alles merken und auch noch richtig zuordnen? Und nicht auszudenken, wenn man's falsch macht! Das wäre genauso schlimm wie zu behaupten, Franken seien Bayern! Als mittendrin im Umzug der Wagen des rheinischen Prinzenpaares auftauchte, hatte man den Eindruck, die Zuschauer waren erleichtert, dass endlich mal alle zusammen die Karawane des Sultans weiterziehen lassen konnten.

Aber die Schützengräben verlaufen noch tiefer und trennen Alt und Jung. Denn bei den schwäbischen Hexen kann es manchmal ganz schön rau zugehen. Es gehört dazu, dass Umzugsteilnehmer über die Absperrung springen, sich Zuschauer über die Schulter werfen und sie kräftig durchschütteln. Die haben jedoch keine Lust und wehren sich mit Luftschlangenspray. Die klebrigen Fäden bleiben in den aufwendig geknüpften Flickenkostümen hängen und setzen sich in den Runzeln der über 100 Jahre alten Holzmasken fest. Am Ende waren alle nur noch sauer.

Ich hoffe wirklich, dass die lieben Schwaben es mittlerweile geschafft haben, Frieden zu schließen und sich auf das zu besinnen, was Fasching eigentlich mal sein sollte: Spaß!