Mittwoch, 25. Januar 2017

Mein erster Roman: "No Pflock", Vampire, garantiert unromantisch


Da ist es. Das Cover von meinem ersten Roman - beziehungsweise dem ersten Roman, der von mir erscheint, und zwar schon am 15. Februar. Zwei Bücher sind ja bereits von mir auf dem Markt  (meine Diplomarbeit über den publizistischen Widerstand des Stuttgarter Journalisten Erich Schairer gegen die Nationalsozialisten und meine Anekdotensammlung aus der Schwedter DDR-Geschichte) und ich bin auf beide sehr stolz. Trotzdem fühle ich mich erst jetzt richtig als Autor. Das soll jetzt bloß keine Definition dieses Begriffes sein, sondern nur das, was mir mein Bauch sagt: "No Pflock" ist von vorne bis hinten in meinem Kopf entstanden, ich habe Martin, Ravic und Alina zum Leben erweckt und bald kann ich das Ergebnis gedruckt in Händen halten. Ein eBook gibt es übrigens auch, aber ich muss Papier anfassen und riechen können.

Die Idee ist mir schon seit meiner Studienzeit in Eichstätt im Kopf rumgespukt, seit ich an einer Eichstätter Regenrinne diesen Aufkleber entdeckt hatte:
Nicht mal Freund Google konnte mir dazu irgendwas sagen, also lief meine Fantasie heiß: Ist das eine geheime Vampirorganisation? Eine Vampirjägerorganisation, die wissen, dass Holzpflöcke als Waffen nutzlos sind? Als das dann noch auf den Twilight-Hype traf und ich unbedingt eine Geschichte über einen Vampir schreiben wollte, der weder hübsch war noch charmant, war die Idee für das Buch geboren. Richtig ans Schreiben hab ich mich allerdings erst gemacht, als meine liebe Agentin den Fabylon-Verlag für mich fand, und ich den Namen meines Hauptprotagonisten in Martin geändert hatte, weil der vorherige mir selbst zu unsympathisch war.

Die Haupt-Schreibphase fiel ja, wie ich hier bereits erzählt hab, in eine sehr schwierige Zeit mit Bandscheibenvorfall, monatelange Schmerzen, Unsicherheit und OP-Angst. Deshalb ist mir das Projekt so ans Herz gewachsen, weil es mich immer wieder aus dem depressiven Loch gezogen hat. Ist es deshalb so blutig geworden? Ich hoffe mal nicht, das war eigentlich schon vorher geplant. Und selbst den Humor konnten die Umstände nicht töten, nicht, wenn ich voll im Manuskript versunken war. Mit Ravic hab ich auch meinen ersten "Soundtrack" zu einem Schreibprojekt begonnen, nicht, um zu der Musik zu schreiben, was mich immer nur ablenkt, aber um mich vorher einzustimmen und weitere Nuancen eines Charakters zu entdecken. Der Kerl hat übrigens sieben Charakterlieder, eine unbekannte Anzahl von Jahrhunderten lässt sich nicht auf einen Song reduzieren.

Seit letzter Woche schwebe ich nun immer eine Handbreit über dem Boden, mein Bauch kribbelt und ich schlafe schlecht, wache trotzdem stets gut gelaunt auf - was eine bevorstehende Buchveröffentlichung halt so mit dir tut. Und weil ich es kaum erwarten kann, vor Publikum zu lesen, hab ich mir schon mal eine Runde T-Shirts machen lassen:
Denn wenn ein Vampirroman schon mal in Bayern spielt, braucht man auch ein vernünftiges Dialektwort für Nackenbeißer (danke an Robert für die linguistische Beratung). Das ist auf jeden Fall ein erheblich besserer Start ins neue Jahr als 2016!

Samstag, 14. Januar 2017

Lass mich das für dich googeln

Bevor ich anfange zu maulen: Ich wünsche allen ein gesundes neues Jahr. Ein Jahr, das hoffentlich alle politischen Herausforderungen friedlich meistert, ob im In- oder Ausland (hoffen darf man immer). Ein Jahr, in dem wir alle alles ein kleines bisschen besser machen können. Ich persönlich freue mich auf die Veröffentlichung meines ersten Romans, die wiederbelebten Freienfelser Ritterspiele und einen Urlaub in Finnland.

Aber jetzt zum Thema. (Knackt mit den Fingern) Ich diskutiere ungern auf Facebook. Das kann man als feige bezeichnen, aber ich glaube kaum, dass man wildfremde Menschen auf dieser Plattform durch Kommentare von ihrer Meinung abbringen kann. Zumindest in den seltensten Fällen. Mobbing, "Fake News", rassistische Hetze - die Plattform ist gerade ziemlich in die Kritik geraten. Doch manchmal sind es die Kleinigkeiten, die am meisten Zeit und Nerven fressen. Und manchmal begeben sich Menschen freiwillig auf einen grandiosen Ritt in den Shitstorm.

Ich bin von Berufs wegen in einigen Autorengruppen und finde es prima, wenn sich Selfpublisher auf dem harten Markt gegenseitig unterstützen, erfolgreiche Autoren ihre Erfahrungen mit jüngeren teilen und ihnen Mut machen. (Gestern Abend war wieder #Schreibnacht und Stargast Thomas Finn beantwortete fast die ganze Nacht geduldig Fragen, es war großartig!)

Allerdings sind manche Fragen, die Mitglieder an die Autorengruppen stellen ... voreilig? Nicht durchdacht? Unglaublich dumm? Ist ausgerechnet im Internetzeitalter die Fähigkeit zu recherchieren abhandengekommen? Man muss doch kein Journalistik-Studium abgeschlossen haben, um zu wissen, dass man sich in Deutschland in der Regel an dem Duden orientiert, was Rechtschreibung betrifft. Der auch einen guten Internetauftritt hat. Und auch wenn Wikipedia nach dem kollektiven Korrektorats-Prinzip bei weitem nicht unfehlbar ist, ist es trotzdem ein gutes Nachschlagewerk.

Warum also, um Himmels Willen, muss man in einer Autorengruppe nach der Rechtschreibung eines Wortes fragen, nach der Definition eines Fremdwortes?

"Heißt es 'Marie's Restaurant' oder 'Maries Restaurant'?"
Ja, gut, das "Deppenapostroph" breitet sich inflationär aus, gerade auf Restaurantschildern, aber die Rechtschreibregeln dazu sind eindeutig!

"Was ist ein Dramaturg?" (an einen Dramaturgen)
Da gibt es mittlerweile das etwas schnippische, aber berechtigte: "Let me google that for you" - "Lass mich das für dich googeln": http://lmgtfy.com/?q=Was+ist+ein+Dramaturg%3F

Die Zeit, die der Fragende damit verbracht hat, die Frage zu posten, hätte er mit googeln verbringen können und wäre schneller zu einem Ergebnis gekommen. Hätte nicht anderen Leuten ihre Zeit gestohlen. Es gibt bewundernswert geduldige Menschen, die solche Fragen ernsthaft beantworten. Dann gibt es solche, die sich sarkastische Kommentare nicht verkneifen können. Und dann die Trolle, die das zum Anlass nehmen, sich über die fragende Person lustig zu machen. Wahrscheinlich lande ich mit diesem Blogbeitrag in Kategorie zwei, hoffentlich nicht drei.

Was ich sagen will: Macht euch nicht selbst zum Affen! Wer solche banalen Fragen postet, zeigt nur, dass er sich vorher kein Stück Gedanken gemacht hat, wirkt, als sei er zu dumm und unselbständig, um so etwas Simples selbst herauszufinden aus allgemein zugänglichen und vor allem zuverlässigen Quellen. Es gibt Fragen, die sind schwer zu beantworten. Manchmal hilft es einem, einen persönlichen Erfahrungsbericht zu erhalten. Für alles andere gibt es Duden, Wikipedia, Synonymlexica, Wörterbücher. Kostenlos online.

Wenn ich den Fragenden noch etwas Nachdenken unterstelle, könnten ihre Posts auch ein Symptom für das Misstrauen sein, das in der Unendlichkeit des Webs zunimmt. Welcher Quelle kann man überhaupt noch vertrauen? Oder es ist ein Phänomen des "postfaktischen" Zeitalters: Scheiß auf den Duden, wir stellen die Rechtschreibung basisdemokratisch zur Diskussion. Ich hoffe wirklich, dass es nicht daran liegt, denn das wäre noch schlimmer, eine tiefer verwurzelte Krise als schlichte Gedankenlosigkeit.

Und an alle meine (zukünftigen) Kunden: Ich korrigiere nach Duden. Wo es Kann-Bestimmungen gibt, nehme ich die Schreibweise, die der Duden favorisiert. Ob sie mir persönlich gefällt oder nicht, spielt keine Rolle.

Dienstag, 13. Dezember 2016

Nostalgie: Meine liebsten Weihnachtsbücher


Ich liebe Weihnachten. Weihnachten macht mich nahezu kitschresistent, ich höre freiwillig "Last Christmas", kaufe schon ab April Weihnachtsgeschenke und ab September Lebkuchen. In diesem Jahr hab ich herausgefunden, dass meine Lieblingsszene im Film "Wunder von Manhattan" (1994), in der der Weihnachtsmann mit einem tauben Mädchen in Gebärdensprache redet, "echt" ist. Die junge Schauspielerin ist wirklich taub und niemand hatte ihr verraten, was Richard Attenborough tun würde. Die Freude ist also hundertprozent authentisch und seither kriege ich erst recht feuchte Augen, wenn ich das sehe.

Und dann gibt es die Bücher, die ich jedes Jahr wieder lese im Advent. Weil mich das Thema Lesen und Vorlesen immer wieder beschäftigt hat in den vergangenen Wochen, möchte ich diese Weihnachtsausgabe meines Blogs dafür nutzen, ein paar davon vorzustellen:

"Weihnachten aus aller Welt" (mittlerweile neu aufgelegt) beispielsweise war ein Heftchen, ein Adventskalender, der für jeden Tag eine Geschichte über Weihnachtstraditionen in Italien, Sri Lanka, Australien, Norwegen etc. bereit hielt, zusammen mit Bastelanleitungen für Musikinstrumente, Rezepte, Gedichte. Am Heiligabend geht es natürlich nach Bethlehem in die Geburtskirche, die nicht wirklich so aussieht, wie man sie sich als Kind vorgestellt hat. Ein wundervoller Blick über den Tellerrand!

Mit Abstand lesen sich die "Weihnachtsgeschichten" von Lise Gast zu fromm für meinen  Geschmack. Aber ich verstehe, dass ihr der Glaube Halt gegeben hat in der schweren Zeit, als Witwe und Mutter einer Bande Kinder am Ende des Zweiten Weltkrieges aus der Heimat vertrieben zu werden. In diesem Buch wird mein Traumhaus beschrieben (das ehemalige Forsthaus mit Stall in "Der kleine Ausreißer"), jede Geschichte strahlt Herzensgüte aus. Beeindruckt hat mich auch die Erklärung, warum Gott Kinder mit Behinderung auf die Erde schickt: um Liebe zu erzeugen, Beschützenwollen. Ob man nun dran glaubt oder nicht - mein Vater hat als Lehrer an einer integrierten Gesamtschule selbst erlebt, wie bereichernd diese Kinder für eine Klasse sind.

"Wenn Weihnachten kommt" ist eine der besten Zusammenstellungen von Geschichten, die ich kenne, auch wenn Christine Nöstlinger eine geliefert hat, die ich niemals wieder lesen möchte und immer überblättere, weil sie zu viel harte Erkenntnis beinhaltet. Viele Geschichten haben einen ernsten Hintergrund, den Erwachsene noch besser begreifen als Kinder, vor allem Armut, fremd sein und ein Außenseiter, werden thematisiert. Aber immer kindgerecht. Hier bin ich auch zum ersten Mal auf "Hilfe, die Herdmanns kommen" gestoßen. Das Kapitel, wie sie die Darstellung der Geburt Jesu in der Bibel in Frage stellen ("Sie meinen, sie banden es zusammen und steckten es in eine Futterkiste? Wo bliebt denn da die Jugendfürsorge"), das ich als "Kurzgeschichte" kennenlernte, ist immer noch der Höhepunkt des ganzen Romans für mich.

"Hinter verzauberten Fenstern" ist ein relativ unbekanntes Buch von Cornelia Funke und ein Fund, den ich erst als Erwachsene gemacht habe - aber es ist gleich in die Reihen meiner Klassiker aufgestiegen. Ich habe schon früh als Kind von meinen Eltern einen Bilderadventskalender erbeten, weil die mit Schokolade muffig und langweilig waren. Zu den Bildern konnte man sich dagegen Geschichten ausdenken - und genau das hat Cornelia Funke hier getan. Seit ich sie bei einer Schreibnacht als Stargast kennengelernt habe, mag ich die Frau noch mehr.

Wer mich kennt, hat vielleicht schon bei dem Foto oben gestutzt: Was macht Wolfgang Hohlbein da? Tatsächlich komme ich mit einem der erfolgreichsten deutschen Fantasyautoren überhaupt nicht klar. Ich kann auch nicht behaupten, dass "Saint Nick. Der Tag, an dem der Weihnachtsmann durchdrehte" ein gutes Buch ist. Es steckt voller Klischees und das Ende ist heillos überzogen. Aber es ist eine Guilty Pleasure von mir. Dass sich der Weihnachtsmann selbst vom Kommerz anstecken lässt und seine Magie wiederfinden muss, finde ich eine spannende Idee.

Aber tausendmal lieber ist mir am Ende trotzdem ein anderer Weihnachtsmann: der, der den Tolkien-Kindern 23 Jahre lang Briefe geschrieben hat. Ja, das war nie als Buch geplant, aber ich bin den Nachkommen von J.R.R. Tolkien sehr dankbar, dass sie diese Schätze mit uns teilen. Die "Briefe vom Weihnachtsmann" kamen mir zuerst in einer winzigen, gekürzten Ausgabe unter, doch da ist mir die Liebe zum Detail aufgefallen: die zittrige Handschriftprobe, weil der Weihnachtsmann so viel friert und Stress hat am Nordpol, die selbstgezeichneten Bilder und die Kommentare, die der Nordpolarbär dazwischen kritzelt. Ich habe sogar ein Kuscheltier nach diesem tollpatschigen Helfer benannt. Später habe ich sie mir natürlich in (vollständiger) englischer Ausgabe gekauft, um Tolkiens Sprache im Original zu genießen.

Und natürlich fallen mir jetzt noch mehr ein: "A Christmas Carol" von Charles Dickens, das mir selbst die tausend Filmadaptionen nicht vermiesen konnten, eher im Gegenteil. Und nicht zu vergessen: die Weihnachtskapitel in so ziemlich allen Astrid Lindgren-Büchern. Ob Madita oder Die Kinder von Bullerbü - da steckt für jede Jahreszeit was drin. Aber die Weihnachtskapitel sind besonders herrlich. Und kritisch! Wie selbstverständlich Astrid Lindgren einfließen lässt, wie die armen Nachbarn von Madita versuchen, ein wenig Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen, ist genial. Frohe Weihnachten euch allen. Ich hoffe, ihr bekommt viel guten Lesestoff geschenkt!

Montag, 21. November 2016

#Vorlesetag: Feuer, Frost, Verrat

Am Freitag habe ich eine großartige Stunde in der Grundschule am Waldrand verbracht und einer vierten Klasse den "Drachenreiter" vorgelesen, mein persönliches Lieblingsbuch von Cornelia Funke. Vorlesen ist großartig, meine ganze Kindheit lang haben unsere Eltern jeden Abend vor dem Schlafengehen für meine Schwester und mich ein Buch ausgepackt. Ich hab mich schon mehr als einmal darüber beschwert, dass sie damit aufgehört haben, sobald wir selbst lesen konnten. Ich finde es schön, vorzulesen und vorgelesen zu bekommen, das ist noch einmal eine ganz eigene Kunstform. Auch wenn ich vor Aufregung fast gestorben bin, war es vor einem Jahr ein ganz spezielles Erlebnis für mich, erstmals mein eigenes Werk mit einem Publikum zu teilen. Und ich freue mich unglaublich darauf, das 2017 mit meinem ersten Roman tun zu können.

Drei Tage ist der bundesdeutsche Vorlesetag jetzt her, aber das ist mir egal. Ich möchte euch trotzdem was vorlesen. (Und das hat gaaaaaaar nichts damit zu tun, dass ich zwei Tage gebraucht hab, um die richtige Aufnahmevariante herauszufinden und ein Videoschnittprogramm, #menschlichesstörfeld) Zur Übung hab ich eine meiner eigenen Kurzgeschichten rausgesucht, die vergangenes Weihnachten online bei Literra erschienen ist. Die Aufgabe war, zu dem Bild der Künstlerin eine Idee zu entwickeln. Der zündende Auslöser war ein Missverständnis: Ich hielt den schlafenden Drachen, der das Logo von Gaby Hylla ist, für einen Teil des Bildes - und schon war "Feuer, Frost, Verrat" geboren. Übrigens: Das Holzdruck hinter mir an der Wand zeigt Odin mit seinen beiden Raben Hugin und Munin sowie den Wölfen Geri und Freki. Letztere spielen in einer anderen Kurzgeschichte von mir eine Rolle, die in der Anthologie "Der Winterwolf" erschien - für alle, die noch ein Weihnachtsgeschenk suchen.

Jetzt aber genug Werbung, ich wünsch euch viel Spaß beim Zuhören! (Aus technischen *hust* Gründen in fünf Abschnitte geteilt.)









Mittwoch, 9. November 2016

Präsident #Trump - die Sonne geht trotzdem auf

Ich habe vorletzte Nacht geträumt, ich wäre mit einem Fernsehteam unterwegs. Das passiert mir manchmal, dass ich im Schlaf journalistisch arbeite. Meistens geht was schief: Eine Gruppe will sich nicht zum Foto aufstellen, ein Interviewpartner gibt nur nichtssagende Antworten. Es ist frustrierend und gibt mir das Gefühl, gar nicht geschlafen zu haben. In diesem Traum war ich bei Donald Trump zu Hause, um eine Homestory zu machen. In einer Pause beim Umziehen sagte ich zu meiner Schwester, die aus irgendeinem Grund dabei war, wie widerlich ich diesen Menschen finde. Und plötzlich war es Trumps Tochter, mit der ich sprach, und die meinte: "Wie können Sie sowas sagen? Er ist mein Vater!" Sie verteidigte nicht, was er tat oder sagte, nur: Er ist mein Vater. Ja, auch Trump hat sicher Leute, die ihn ehrlich lieben und ihm viel verzeihen können, wie jeder von uns.

Offenbar hab ich eindeutig zu viele amerikanische Late Night Shows auf Youtube geschaut in letzter Zeit, wenn mich das Thema sogar bis in meine Träume verfolgt. John Oliver, der trotzdem immer versucht hat, andere wichtige Themen in den Mittelpunkt zu stellen, die über den Wahlkampfwahnsinn vergessen gehen. Seth Meyers, der immer etwas genauer hinschaute, dem aber manchmal auch die Witze ausgingen. Trevor Noah, der manchmal weniger mit Humor als mit ehrlicher Empörung kommentierte (und von dem ich hoffe, dass er jetzt nicht in den Untergrund abtauchen muss). Und natürlich Saturday Night Live mit einer gruselig treffenden Trump-Performance von Alec Baldwin und einem versöhnlichen Ende.

Als ich heute Morgen noch vom Bett aus auf meinem Smartphone die Ergebnisse las, wollte ich erstmal gar nicht aufstehen. Vier Jahre lang die Decke über den Kopf ziehen, hat auch was Reizvolles. Aber, wie Daniel Kahn singt: "Wenn wir alle nur innerlich emigrieren, wird alles nur zur Hölle gehen." Wie wäre es stattdessen mit wirklicher Emigration? Die Website der kanadischen Regierung, die über Bedingungen zur Einwanderung ins US-Nachbarland informiert, ist schon in der Nacht vor der Masse der Anfragen zusammengebrochen. Kann ich gut verstehen, ich liebe Kanada, das unter ähnlichen Bedingungen startete wie die USA und trotzdem heute erheblich weniger gesellschaftliche Probleme hat.

Muss ich wirklich erklären, warum ich Trump schrecklich finde? Nicht hier in Deutschland, aber anscheinend ist es den Anhängern in seinem Heimatland egal, dass sich der Mann einen Skandal nach dem anderen geleistet hat, von denen jeder einzelne jedem anderen Kandidaten das Genick gebrochen hätte. Traurig-amüsiert war ich darüber, dass im prüden Amerika nach allen rassistischen Kommentaren, absurden Mauerbauplänen und Steuertricks erst seine abwertende Art, über Frauen zu reden und sie sexuell zu belästigen für einen größeren Aufschrei gesorgt hat.

Aber nicht groß genug - und wir stehen da und fragen uns fassungslos: Wie kann man so wählen? Offenbar zählen Argumente nicht. Nicht der gesunde Menschenverstand, nicht Realismus. Trump bedient diffuse Ängste und liefert scheinbar einfache Antworten. Wer da einen historischen Vergleich zieht, gerät natürlich in die Schusslinie. Ich setze ja ein wenig darauf, dass der angeblich mächtigste Mann der Welt eben nicht besonders mächtig ist, sondern von einer Riege grauer Herren in Washington gelenkt wird. Hoffen, diesmal: Wer Obamas große Pläne vereitelt hat, kann diesmal Trumps Finger vom Knöpfchen halten. Denn, wie der Mann, der seit heute keinen Job mehr hat, sagte, nachdem Trumps Beraterteam in den letzten Tagen den Twitteraccount sperrte: "If somebody can’t handle a Twitter account, they can’t handle the nuclear codes."

"Liebe AfDler, kommt doch einfach in die USA, denn hier habt ihr ganz viele tolle Freunde - wenn man euch reinlässt", verkündet Böhmermann-Kollege Ralf Kabelka. Ja, wir haben schon längst solche Wutbürger wie die, die Trump gerade zum Präsidenten gemacht haben, in unseren Parlamenten. "Das Problem ist nicht der Präsident, sondern die Leute, die ihn gewählt haben", sagte heute Morgen eine Freundin zu mir. Also geht alles den Bach runter? Ich zitiere den Tweet einer weiteren Freundin: "Es gibt solche Tage, da muss man tief durchatmen und dann weiter Kultur schaffen, die freundlich und menschlich ist." Mehr gibt es nicht hinzuzufügen.

Montag, 24. Oktober 2016

BuCon statt #fbm: Klein, aber fein

Hier ist auch Messe, es sieht nur keiner
Am Frankfurter Hauptbahnhof kommen erstmal ein paar Cosplayer an mir vorbei, ich bin nicht sicher, ob das Hasenohren oder außerirdische Antennen sein sollen, die sie auf dem Kopf haben. Das Rätsel kann ich jetzt nicht lösen, denn sie drängen in die entgegengesetzte Richtung, zur Frankfurter Buchmesse, während ich mit S-Bahn und Regionalzug den fast einsamen Weg nach Dreieich-Sprendlingen antrete. Hier findet am Samstag parallel die BuCon statt. Noch nie gehört? Es gibt sie seit 31 Jahren und hier wird regelmäßig der Deutsche Phantastik Preis verliehen.


Am Ziel spaziere ich vom menschenleeren Bahnsteig durch den vermatschten Park zum Bürgerhaus - und fühle mich sofort wohl: Einen kleinen Saal gibt es, halb zugestellt mit Ständen, die andere Hälfte bietet Platz für Tische zum Essen und Plauschen. Ich bin, muss ich zu meiner Schande gestehen, noch nie auf der FBM gewesen, nicht mal, als ich noch in Hessen wohnte und die Schülerzeitung meines Vaters regelmäßig dort Preise für die beste Schülerzeitung Hessens verliehen bekam. Sie ist mir schlicht zu groß. Ich schaffe ja kaum die Leipziger Messe, ganz davon abgesehen, dass zum Kontakte-Knüpfen in dem Gewühl kaum Gelegenheit ist. Im Gegensatz zur BuCon. Denn hier springt mir als Erstes der Stand meiner Agentur Ashera ins Auge.

Hier bekomme ich mal Gelegenheit, liebe Kollegen (besser) kennenzulernen, wie Annika Dick, die erstmal Leute mit Lesekatzen-Buchboxen glücklich macht. Gabriele Ketterl hat den Tisch passend zu ihren Venezianischen Vampiren mit Fledermaus-Lakritze dekoriert. Ihre Bücher gehören zum Auftakt der Vampir-Reihe bei Fabylon, in der im kommenden Jahr auch meine "Gnackzuuzler" erscheinen sollen. Von wegen, das Genre ist ausgelutscht (pun intended)!

Von Guido Krain höre ich mir eine Lesung aus seiner Space-Opera-Serie an und habe viel zu lachen bei seinem trockenen Humor.

Völlig überrascht bin ich dagegen, Ju wiederzusehen - ich habe sie allein als Filkerin, nicht Autorin abgespeichert, sträflicherweise. Also: Die BuCon ist wunderbar, wenn man Autoren richtig gut kennenlernen möchte - aber es hilft auch, manche schon zu kennen, um einen Anker zu haben. Am Ende, bevor ich wieder zum Zug hetzen muss, bekomme ich von der Trägerin des Deutschen Phantastik Preises 2016, in der Kategorie Bester deutschsprachiger Roman, noch einen Kaffee ausgegeben. Hab ich nicht eine tolle Lektorats-Kollegin? Herzlichen Glückwunsch auch nochmal hier! Feuerjäger habe ich natürlich längst verschlungen. Auch wenn auf den ersten Blick typische Elemente dabei sind - Zwerge in unterirdischen Städten, Gestaltenwandler, Trolle -, schafft es Susanne, diesen Geschichten einen ganz neuen Dreh zu geben. Ganz davon abgesehen, dass es gut tut, mal nicht einem jugendlichen Helden auf dem Weg zum Erwachsenenwerden zu folgen, sondern mit einer gestandenen Kämpferin mitzufiebern, die Zipperlein hat und eine entfremdete Tochter und Traumata vergangener Kriege totsaufen möchte.

Kaffeerösterei in der Limburger Altstadt
Dieser Abstecher zur BuCon war völlig ungeplant und viel zu kurz. Eigentlich war ich nämlich mit meiner Schwester auf Städtetrip - und in Ermangelung des Kleingeldes haben wir den in diesem Jahr einfach in Limburg gemacht, wo sie wohnt. Wann macht man schon mal Sightseeing in der Stadt, neben der man aufgewachsen ist? In der neuen Kaffeerösterei sterben wir den Schokoladentod mit der dortigen Torte, ich hole mir meine Lieblings-Heiße-Schokolade mit Chili im Schokoladenhaus ab, finde am Kornmarkt einen neuen Whiskyhändler, der das perfekte Getränk anbietet:


Besonders schön ist der Nachtspaziergang am Dom entlang (im Dunkeln sieht selbst die Kapelle des Bischofsitzes gegenüber nicht mehr ganz so wie ein Alienschiff aus). Das zeigt mal wieder: Es lohnt sich tatsächlich, sich die Sehenswürdigkeiten vor der eigenen Haustür anzusehen. Dafür muss man nicht warten, bis man wie ich 650 Kilometer weiter weg gezogen ist.
Friedhof am Limburger Dom
Holzschnitzereien in der Altstadt. Die Häuser sind teilweise über 400 Jahre alt

Schräge Deko-Ideen: Wie wäre es mit einem originalgetreuen Dinosaurierskelett für 4200 Euro?

Dienstag, 4. Oktober 2016

Viele Herzen, eine Stimme oder: Die wunderbare Welt des Filk

Einmal komplett eingeräuchert von vier Dampfloks - gut haltbar gemacht fürs Wochenende
Sie stellen Han Solo als US-Präsidentschaftskandidaten auf, geben Reisewarnungen an Aliens, die die Erde besuchen wollen, ehren Anna von Kleve, die vierte Frau von Heinrich VIII., und verwandeln eine Liebes- in eine Zombiegeschichte: Willkommen in der Welt des Filk! Ob historische Figuren, uralte Mythen, moderne Fantasy-Serien und natürlich der Ursprung des Filk, die Science Fiction - alles lässt sich in ein Lied verarbeiten. Wenig überraschend, ist die Szene eng mit der der Rollenspieler verknüpft. Und ich bin jetzt schon zum zweiten Mal ein verlängertes Wochenende ganz in diese Welt abgetaucht.

Bei meiner ersten FilkContinental im vergangenen Jahr kannte ich bis auf die Freundin, die mich dorthin geschleift hatte, keinen Menschen. Ich wusste nicht genau, ob ich dorthin passen würde, da ich keine Liedtexte schrieb, geschweige denn komponierte. Während ich im Foyer herumsaß und auf meine Freundin wartete, nahm mich sofort Gary unter seine Fittiche. Der Amerikaner hat ein ganzes Buch über die Geschichte des Filk geschrieben, führt es auf die frühen Scifi-Conventions der 40er Jahre zurück und sieht Vorläufer in Liedern wie "In my Merry Oldsmobile", in dem Billy Murray 1909 die neue Errungenschaft des Autos besingt. Am ersten Abend im "Circle", im Kreis, wünschte sich Gary prompt ein Lied von mir und zwang mich so, meine Bühnenangst sofort bei den Hörnern zu packen. Natürlich drohte mir meine Stimme zu versagen, doch nach der ersten Strophe fielen die anderen in das Lied ein und trugen mich zu neuen Höhen. Es war ein magischer Moment.
In diesem Jahr (das unter dem Motto 50 Jahre Star Trek stand) wurde ich gleich von allen Seiten mit Umarmungen begrüßt. Im Gepäck hatte ich zwei selbstgedichtete Lieder zu bekannten Melodien: "Ash in the Wind" (aka "Dust in the Wind") über einen Vampir, der in der Sonne Selbstmord begeht, und "The Filk-Gardener", eine Hommage an die lieben Leute, die mir im Jahr davor so viel Mut gemacht hatten. Ausgerechnet mir als Autor und Lektor fällt es schwer, auf Deutsch Lieder zu verfassen, es kommt immer steif und "Reim mich oder ich fress dich" rüber, deshalb flüchte ich mich in die Fremdsprache. Vielleicht, weil ich da ohnehin mehr auf den Klang höre. Ruckzuck hatte ich eine Band zusammen, die mich mit Zweitstimmen, Gitarre und Flöte beim Auftritt begleitete. Und diesmal hab ich den Moment, an dem die Stimme versagen will, alleine überwunden.

"Only for a moment I see the sun again"


Diese Auftritte helfen mir auch, mich für Lesungen vorzubereiten. Ansonsten kann ich immer nur in wortlosem Staunen da sitzen, wenn die anderen Eigenkompositionen vortragen, zwischen fünf Instrumenten hin und her wechseln, spontan Soli und Harmonien für Lieder entwickeln. Über achtzig wahnsinnig kreative Leute sperren sich drei Tage in einer Jugendherberge ein und machen nichts anderes als Singen, musizieren, tanzen und Seminare übers Liederschreiben hören. Nebenbei wird gemalt, gestickt, gestrickt, geschminkt und selbstgemachte Marmeladen versteigert (Birne-Schokolade, heute Morgen getestet - lecker!). Trotzdem sind sie nicht völlig der Welt entrückt. "The Faithful Sidekicks", Ersttäter aus Minnesota, starteten in Reaktion auf den US-Wahlkampf eine Kampagne für Han Solo als Präsident - immerhin hat er die Galaxie gerettet, wer will dagegen argumentieren?

Von purer Wut getrieben war das Lied "Let them pay" einer britischen Sängerin über die Verantwortlichen des "Brexit", die sich nach angerichtetem Chaos verabschiedeten. Ehrengäste Barry & Sally trugen ein ergreifendes Lied vor über verstorbene Freunde, das selbst mir, die keinen davon persönlich kannte, die Tränen in die Augen trieb. Bis auf einen, der uns bei der FilkCon 2015, wohlwissend um seinen unheilbaren Krebs, "I'm not yet dead" skandieren ließ.

Filk ist also keine Realitätsflucht, genauso wenig wie lesen oder Rollenspiel, denn es werden die essentiellen Fragen der Menschheit aufgegriffen: Liebe, Leben, Tod, Veränderung, Verzweiflung und was uns zusammenhält. "Many hearts, one voice" - viele Herzen, eine Stimme - von Steve Macdonald beschreibt dieses wunderbare Gefühl, in der Filkergemeinschaft Gleichgesinnte zu finden, mit denen man ohne Erfolgsdruck kreativ sein kann, gemeinsam lachen und weinen.

Und versagen - denn bei dem Auftritt unserer spontan ausgelosten "Insta-Bands" ließ ich mich zu einem Flötensolo breitschlagen - seit Klarinetten-Zeiten ein kleines Trauma von mir. Als ich es prompt vergeigte (öm... Flöte vergeigen?) und frustriert von der Bühne ging, trösteten mich Jen und Eric: "Es war wunderbar und das passiert jedem Mal. Du hast wieder reingefunden, ist doch gut." Abends bei der Jamsession mit Barry fing ich sogar an zu improvisieren. Am Rande kamen wir im Gespräch zu dem Schluss: Jede Fremdsprache, die wir beherrschen, ist eine neue Art, die Welt zu betrachten, weil sich vieles gar nicht übersetzen lässt und durch die Geschichte und die Weltsicht der Nation geprägt ist. "Wer viele Sprachen spricht, kann gar keine Vorurteile mehr haben", sagte Barry. Ich wette, das gilt auch für Klingonisch.