Freitag, 18. September 2015

Stuntfrau schlägt Makler nieder



Jaja, lasst mir mal den Spaß einer irreführenden Überschrift - die Aufklärung kommt noch. Heute geht's um eine Grenzüberschreitung, die ich nicht selbst erlebt, sondern nur hautnah dokumentiert habe: Meine Freundin Moni hat sich den Spaß gemacht, im Filmpark Babelsberg an einem Stuntman-Workshop teilzunehmen. Ich bin mir sehr sicher, dass das eine Grenzerfahrung ist, die ich selbst nie teilen werde. Ich bin Realist: So unsportlich, wie ich bin, würde ich mir schon bei der ersten einfachen Übung was zerren, brechen oder im besten Fall schlicht außer Atem kommen und umfallen. Deshalb war ich sehr zufrieden damit, den ganzen Tag neue Funktionen an meiner geliebten neuen Kamera auszutesten. Auch wenn es mich am Ende ziemlich gejuckt hat, mich auch mal an das Dach eines fahrenden Autos zu klammern.


Moni dagegen hat schon einiges an Kampferfahrung. Schließlich betreibt sie seit Jahren mit ihrem Mann Schaukampf. So haben wir uns überhaupt kennengelernt: Ich ging die Straße entlang, als plötzlich vor mir ein Mann mit einem Degen - ach, Entschuldigung: einem Rapier - aus einer Garageneinfahrt sprang. So hatte sie wenig Probleme mit den Faust- und Stockkämpfen in dem Wochenendkurs.


Größere Überwindung, verriet sie mir später, kostete es sie, auf den schmalen Leitern der Kulisse im "Vulkan" herumzuklettern, auch wenn natürlich niemand von ihnen verlangte, aus 20 Metern runterzufallen, wie es in der Stuntshow geschieht.


100 Euro pro Meter Fall bekommt ein Profi übrigens, wenn er an einem Filmset ist. Es ist sehr faszinierend, Christoph, Martin und Co zuzuhören, wenn sie von ihrer Arbeit erzählen. Wehtun gehöre einfach dazu, je gefährlicher ein Stunt, desto höher das Honorar. Es wundert mich nicht, dass in diesem Jahr nahezu alle Action-Film-Fans feuchte Augen bekamen angesichts der unglaublich gut gemachten praktischen Effekte von "Mad Max Fury Road", vor allem, weil wir lange Zeit mit miesen Computeranimationen zugedröhnt wurden. Aber jetzt, wo ich die Stuntleute mal so genau beobachten konnte, mache ich mir doch ein wenig Sorgen, ob wir mit unserem Wunsch nach realistischer Gewalt in Filmen nicht zu viele Menschen in reale Gefahr bringen.


Aber die Stuntleute nehmen das natürlich recht gelassen. Erstens sind sie gut trainiert ("Die Show ist unser Training. Nach einer Dreiviertelstunde davon bist du körperlich total am Ende.").


Zweitens gibt es genaue Absprachen und Sicherheitsvorkehrungen, die sie auch in ihrem Workshop weitergeben. "Hartsein ist Kinderkram. Draufgänger können wir nicht gebrauchen", sagt Martin. Sind das nicht zwei großartige Sätze? Nur, wer einen kühlen Kopf bewahrt und sich an die Regeln hält, kann im Team mitspielen.


Drittens ist aber jedem klar, dass früher oder später irgendwas passieren wird. Jeder, der im Vulkan arbeitet, habe einmal eine ernsthafte Verletzung gehabt, meist direkt am Anfang seiner Karriere. "Das lehrt Respekt." Damit ist kein gebrochener Zeh gemeint oder ein Muskelriss, sondern etwas, das Monate und Monate an Reha benötigt. Wer danach wiederkommt, der bleibt dabei - und hat künftig mehr Respekt vor den Risiken.


Die Kursteilnehmer sind umso mehr von der Show beeindruckt, für die an beiden Tagen die Fortbildung unterbrochen werden muss - gerade weil sie am eigenen Leib erleben, wie schwer es ist, alles zu choreografieren. Am Samstag geht eine Stuntfrau wirklich K.O., weil sie zu früh in den Schlag ihres ca. 50 Kilo schwereren Kollegen reinrennt. Aber das Publikum bekommt das gar nicht groß mit. Die Laien überstehen dank guter Betreuung das Wochenende ohne Verletzungen, obwohl sie noch mehr Fehler machen.


Am Ende bekommt jeder eine Urkunde, ein (auf Wunsch alkoholfreies) Bier und später einen Kurzfilm, den sie am Sonntagnachmittag selbst gedreht haben. Und natürlich einen Muskelkater, blaue Flecken und einen Haufen toller Erinnerungen, die ihnen niemand nehmen kann.



Selbst ich, der ja nichts anderes getan hat, als die schönste Perspektive zu suchen, um die Action einzufangen, bin immer noch beeindruckt. Ach ja, und nach ein paar Insiderstorys noch ein Stück weiter desillussioniert, was das deutsche Fernsehen betrifft. Nicht, dass ich viel erwartet hätte, was den Realitätsgehalt von Reality-Shows betrifft, aber das ist schon ein starkes Stück: Stuntleute sieht der durchschnittliche Zuschauer öfter, als er denkt. Wenn nämlich die angeblich echten Fälle von "Mieten, Kaufen, Wohnen" zu langweilig sind, springt dann mal eine Stuntfrau ein, die in einem "Wutanfall" den Makler in die Badewanne schubsen darf. Hoffentlich hat sie dem vorher beigebracht, wie man richtig fällt.

Dienstag, 1. September 2015

P.S. Starke Worte in der Flüchtlingsdebatte

Nachklapp zu meinem jüngsten Blogbeitrag zum Thema Flüchtlinge. Während bei Facebook die rechte "Protestseiten" gegen Flüchtlingsheime wie giftige Pilze aus dem Boden schießen, melden sich aber auch immer mehr Menschen zu Wort, die für Verständnis werben oder den selbsternannten "besorgten Bürgern" mal den Unterschied zwischen Hetze und freier Meinungsäußerung erklären. Hier eine kleine Sammlung meiner Lieblingsbeiträge. Einerfehlt leider, den finde ich nicht wieder, der nämlich einen sehr interessanten Aspekt ansprach, den wir gerne vergessen: Die Chancen stehen nicht schlecht, dass die Menschen, die aus diesen Ländern flüchten, mit ansehen mussten, wie ihre Familien mit UNSEREN Exportwaffen erschossen wurden!

- Der Postillon sticht mal wieder ins Schwarze mit der Satire, wie die Regierungen am liebsten mit dem Problem umgehen würden: "Alles wieder gut: Österreich versenkt Lastwagen mit 71 toten Flüchtlingen im Mittelmeer"

- "Jetzt lernen Sie meine Oma kennen" - eine Erinnerung daran, dass viele Deutsche auch mal Flüchtlinge waren.

- Jan Böhmermanns Deutschkurs über die Definition von "Asylkritikern"

- Oliver Kalkhofe, der sich als "Gutmensch" outet und den Hasskommentatoren gleich ihre Vorlage mitliefert. 

- Und ja, auch wenn ich mit dem Kram, den die beiden Herren Joko und Klaas anstellen, 0,00 anfangen kann: Danke für die Absage an "Das wird man ja wohl nochmal sagen dürfen".

Ja, darfst du. Du wirst nicht sofort verhaftet, weggesperrt, gefoltert, getötet, wenn du deine Meinung sagst. Deshalb geht es uns so gut. Aber du darfst nicht glauben, dass Meinungsäußerung heißt, dass dir niemand widersprechen darf.

Samstag, 15. August 2015

Heim nach Afghanistan

Meine Schwester saß jüngst im Zug nach Frankfurt, schräg gegenüber von einem Mann mit drei riesigen Koffern, der in einer ihr unbekannten Sprache in sein Handy redete. "Keine Ahnung, worum es ging, aber es klang wirklich schön", erzählte sie mir. Sein Deutsch war dagegen sehr gebrochen. Als sie sich dem Bahnhof Frankfurt Flughafen nährten, brauchte es drei Anläufe, bis Martina seine Frage verstand: Ob er jetzt hier aussteigen müsse. Ja, bestätigte ihm meine Schwester und half ihm mit den Koffern. Und der Mann erzählte strahlend, dass er heute nach Hause fliege, heim nach Afghanistan. Für Martina war das ein Aha-Erlebnis: Wir verbinden Afghanistan nur mit Krieg und Terror, aber für viele Menschen ist es eine Heimat und sie leben gerne dort. Sie schwärmen von der Landschaft, der Kultur und den Menschen. Dem Mann im Zug geht das Herz auf, wenn er daran denkt, endlich nach Hause zu kommen.

Ich habe vor ein paar Jahren die Fotografin Lela Ahmadzai kennengelernt. Sie lebt seit vielen Jahren in Deutschland, seit ihr Vater mit der Familie herzog, um gerade den Töchtern eine vernünftige Bildung zu ermöglichen. Lela beschäftigt sich sehr mit der Rolle der Frau in Afghanistan und hat beispielsweise sehr beeindruckende Beiträge über die Frauenfußballnationalmannschaft gemacht. Nach all den Jahren lässt ihre Heimat sie einfach nicht los.

Die dort stationierten Soldaten mögen es kaum abwarten können, endlich abziehen zu dürfen, doch wer Afghanistan seine Heimat nennt, wird es garantiert nur ungern verlassen wollen. Und das gilt genauso für die Tausenden von Flüchtlingen, um deren Unterbringung aktuell so hart gestritten wird. Sieht man sich die Weltkarte an, woher sie kommen, ist schnell klar: Das sind keine "Wirtschaftsflüchtlinge" in dem Sinne, dass sie sich mal eben ein Nest in einer Steueroase bauen wollen - das sind eher einige Deutsche, deren Lieblingsziel die Schweiz ist. Schließen wir zu schnell von uns selbst auf andere? Stellen sich manche tatsächlich vor, dass die Menschen in Syrien eines Morgens sagen: Ach, wie wäre es, wenn wir auswandern, in Deutschland können wir voll das Geld scheffeln? Das kann nur eine Generation glauben, die in den vergangenen 70 Jahren komplett vergessen hat, wie es war, ein Flüchtling zu sein. Es ist nicht wirklich so, dass es denen "alles in den Arsch geschoben" wird, wie ein Schwedter jüngst bei einer Einwohnerversammlung sagte. 143 Euro im Monat nennt er in den Arsch geschoben? Mag er mal darauf zurückgestuft werden? Oder schauen, ob er Lust hat, in einer Flüchtlingsunterkunft zu wohnen? Oh nein, das Geld scheffeln hier ganz andere!

Aber nicht die gehen durch die Hölle, das sind wieder mal die Flüchtlinge, die ohnehin schon so viele traumatische Erlebnisse hinter sich haben. Als der Postillon titelte: "Flüchtling froh, dass er Hass und Gewalt schon aus seinem Heimatland gewohnt ist", das war der Zeitpunkt, an dem die Satire so ins Schwarze trifft, das es richtig weh tut. Auch hier in meiner Region (großflächig genommen) nimmt die Gewalt zu, werden Menschen anderer Hautfarbe im Park angegriffen und zusammengeschlagen. Vielleicht war sogar einer derjenigen darunter, mit denen ich mich so nett unterhalten hatte (s. "Asyl mit Rollstuhl"). Ich habe Angst, wenn ich sowas lese. Aber ich weiß, dass ich diese Angst überwinden muss, um helfen zu können. In Schwedt hat sich bereits eine Gruppe gebildet, die Ja zu dem Flüchtlingsheim sagt.

Ich kenne jemanden, der seinen Job beim Ministerium an den Nagel gehängt hat - zuständig für die Abschiebung, ganz nah an den Schicksalen. Ich wünschte mir, diese ganzen Meckerer würden mal einen Tag in die Schuhe eines Flüchtlings steigen und darin herumlaufen, wie es in einem literarischen Klassiker heißt.

Mittwoch, 5. August 2015

Kinderkram ist klasse

Ich hab mir einen Raptor gekauft. Als anatomisch korrektes Kuscheltier mit Federn. Adieu, Küchenszene, stelle ich sie mir flauschig vor, sind die Kerlchen aus Jurassic Park nicht mehr ganz so furchteinflößend.


Ach, wem mache ich was vor, der Filmausschnitt ist bis heute spannend! Als elfjähriger Saurierfan flehte ich meine Eltern an, mit mir ins Kino zu gehen (FSK 12). Sie gaben schließlich nach unter der Bedingung, dass mich beide beleiteten und ich keine Alpträume bekäme. Während sich meine Eltern links und rechts immer wieder hinter den Sitzen ihrer Vordermänner versteckten, knabberte ich Popcorn und amüsierte mich königlich.  - Oh, hej, wenn hier Kinder lesen, diese Links sind FSK 12, gell? Pfoten weg! - Mein Vater am nächten Tag beim Frühstück: "Ich hab heute Nacht von Dinosauriern geträumt..."

Mir ist aufgefallen, dass alles, was mich als Kind faszinierte, mir bis heute nachhängt. Da kann ich im Kino sitzen und bei Jurassic World alle Logikfehler ignorieren, solange ich für den T. Rex jubeln darf. Meine Kuscheltiersammlung wird von Jahr zu Jahr größer, ich nenne sie heute nur "Souvenirs":

Der Kiwi aus Neuseeland

Corporal Flapjack Junior von der Royal Canadian Mounted Police

Und natürlich "Prawa Reca", meine wortwörtliche und im übertragenen Sinne "rechte Hand" bei Wolfseminaren

Zwar bin ich nicht dem Youtube-Katzenvideo-Wahn verfallen (aufgewachsen in einer Hundefamilie, hatte ich mit neun einen genauen Plan gezeichnet, wo in unserem Haus eine Katze Platz hätte, samt Konfliktpotential - Hund, Wellensittiche - und einem Zeitplan, wie viel ich mich um sie kümmern könnte. Es hat meine Eltern nicht überzeugt.), aber ich liebe "Simon's Cat". 
Und warum auch nicht? Quasi meine ganze berufliche Karriere baut auf Kindheitsträumen auf, heute mehr denn je: Mit zwölf hatte ich meinen ersten "Presseausweis" von der Jugend- und Umweltzeitschrift "Klick", die Begeisterung fürs Schreiben und Recherchieren ist untrennbar mit meinem Interesse an Naturthemen verknüpft. Der Hund, mit dem ich die ersten sechs Jahre meines Lebens aufwuchs, der uns beschützte und im Winter unseren Schlitten zog, hieß "Wolf". Mit elf schickte ich meinen ersten "Roman" an einen Verlag und bekam eine liebevolle und ermutigende Absage, über deren Formulierung sich die Lektorin offensichtlich viele Gedanken gemacht hat. 
"Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt", schrieb einst Friedrich Schiller - und es ist das Rollenspiel  gewesen, das mir den Spaß am literarischen Schreiben und meine kreativen Ideen wiedergegeben hat. Welche Runden Angela Merkel wohl früher heimlich geleitet hat? Zumindest meint ein Professor der Psychologie, dass Politiker sicher gute Rollenspieler seien und dass sich die Menschen durch das Spiel so entwickelt haben, wie sie sind - ob das nun gut ist oder schlecht. Und nicht nur Haustiere spielen, wie in dem Interview erwähnt. 2006 im Yellowstone Nationalpark beobachtete unsere Gruppe, wie der Wolf 302M, Spitzname "Casanova", sich an einem Schneehang auf den Rücken warf, um ihn hinunterzurodeln. 

Leider war er da noch zu weit weg für ein Foto. Hier benimmt er sich wieder "erwachsen"


Nun, wenn Angela Merkel je Rollenspielerin war, wird sie es wahrscheinlich nicht verraten, weil es zu kindisch wirkt. Kindisch - ein echtes Schimpfwort. Zwar klingt es wahnsinnig tiefgründig, wenn man sagt, man wolle das "innere Kind" bewahren, aber wenn man sich dann entsprechend verhält, ist auch keiner zufrieden. Kinder sind nämlich egoistisch und laut und stören. Aber sie haben auch Ideen, grübeln sich nicht alles kaputt und wollen die Welt verändern.

Nun, mir hat es viel gebracht, mich wieder darauf zu besinnen, was ich als Kind vom Leben wollte. Es hat mich glücklicher gemacht. Damals sang ich schon "Ich wollte nie erwachsen sein", ohne auch nur eine Zeile richtig zu begreifen. Aber Kinder haben sowieso die tollsten Theorien über die Welt. Resi, die vierjährige Tochter einer befreundeten Familie, beruhigte jüngst meiner Schwester: "Du wirst noch jung. Wenn du eine alte Oma bist, musst auch wieder eine Windel anziehen, und deswegen bist du dann wieder ein Baby." Unschlagbare Logik!







Mittwoch, 8. Juli 2015

Rollenspiel - die schönste und nützlichste Realitätsflucht der Welt



Ich tauch mal wieder ab für ein verlängertes Wochenende. Werde für König Arthus' Kreuzzug Lebensmittel und Nachrichten transportieren, eine Kolonie auf einem Eisplaneten aufbauen, durchgeknallte Computer-Technik-Priester ausschalten, nach der Schlacht ein paar Luftschiff-Piraten wieder zusammenflicken, mir von den Stimmen in meinem Kopf nützliche Tipps geben lassen... Rollenspiel-Con steht an!

„Pen & Paper“, Stift und Papier, lässt sich am besten als „Improvisationstheater ohne Publikum“ beschreiben - und klingt damit nicht mehr ganz so verrückt (oder versaut) wie Rollenspiel. Jeder denkt sich einen Charakter mit Stärken und Schwächen aus, der in einer Welt mit festgeschriebenen Regeln ein vom Spielleiter ausgedachtes Abenteuer bestehen muss. Ob ihm das gelingt, entscheiden auch die Würfel, die für jede Herausforderung geworfen werden (manchmal werden auch Karten gelegt, was den Erzählfluss nicht so stört). Pen & Paper ist der Ursprung des Rollenspiels, aber zugleich seine unbekannteste Variante. LARPer (Live Action Role Play) mit Kostümen und Schaumstoffwaffen erregen mehr Aufsehen,Computerspiele wie „World of Warcraft“ sind kommerziell erfolgreicher. Viele Autorenkollegen von mir machen Foren-RPGs und schreiben gemeinsam online Geschichten weiter. Ich dokumentiere mit Freunden auch meine Runden, aber der Unterschied ist: Wir haben die Geschichten "erlebt" - in unseren Köpfen, während wir um den Tisch saßen, Chips knabberten und uns "in character" anschrien.

Mittlerweile ist Rollenspiel schon auf dem Kinderkanal angekommen: In der Sendeschluss-Endlosschleife lernt Bernd das Brot diese "Nerds" kennen - vielleicht sind sie jetzt tatsächlich endgültig cool geworden? George R. R. Martin zumindest hat ihren Sieg bei seiner Lesung in Hamburg verkündet, als er darüber sprach, wie er in seiner Kindheit gehänselt wurde:"Damals waren Comics etwas für Freaks. Heute haben wir gewonnen. Heute beherrschen wir die Welt."

Trotzdem mache ich mir nicht immer die Mühe, meinen Bekannten zu erklären, welchem Hobby genau ich da fröne. "Spielenachmittag" nimmt das ältere Semester einfach so hin und denkt an Karten oder Mensch-ärgere-dich-nicht. (Ganz davon abgesehen, dass viele Stunden bei einer Convention tatsächlich mit Tichu draufgehen. Achtung, macht süchtig!) Ich hab nicht immer Lust auf die schrägen Blicke, die mir nach der Erklärung zugeworfen werden. Ein Freund von mir wurde immer besorgter, je mehr ich erzählte, und glaubte mich jedes Mal korrigieren zu müssen:

"Dann habe ich mich also in den Kampf gegen die Aliens gestürzt..."
- "Du meinst, die Figur, die du darstellst, hat sich in den Kampf gestürzt."
Er hatte so Angst, ich könnte den Bezug zur Realität verlieren!

Bin ich in meinem Bekehrungsmodus, habe ich sofort alle Argumente parat, warum Pen & Paper das tollste Hobby der Welt ist: Es fördert die Kreativität, ich lerne, mich in andere Menschen hineinzuversetzen, ich verbringe Zeit mit realen Freunden - meist kochen wir gemeinsam, unterhalten uns "out of play" und unternehmen auch sonst dinge zusammen -, ich kann verschiedene Problemlösungsstrategien durchspielen, mich mal richtig austoben. Nicht umsonst wird Rollenspiel auch in der Therapie eingesetzt. Mein ältester Rollenspielcharakter bildet jetzt sogar die Basis für eine Romantrilogie, an der ich gerade schreibe.

Viele Rollenspieler, die ich kenne, haben mit der 1984 erstmals veröffentlichten Fantasy-Welt „Das Schwarze Auge“ angefangen. Rund 15.000 Regelwerke hat Ulisses Spiele, einer der großen deutschen Verlage in dem Bereich, seit 2007 davon verkauft. Ulisses rechnet mit 50.000 bis 100.000 Rollenspielern in Deutschland, aber wie viele es genau sind, weiß keiner: Da man sich genausogut einfach so hinsetzen und ohne Regeln drauflos spielen kann, wer will das ernsthaft erheben? Nach einer verlagseigenen Studie ist der typische Vertreter 33 Jahre alt, Akademiker, eher männlich und mag Fantasy. Bis auf "männlich" trifft das alles auf mich zu. Trotzdem bin ich ein bisschen untypisch, weil ich das Rollenspiel erst nach dem Studium für mich entdeckt und gleich mit vielen erfahrenen Spielern zum Teil recht anspruchsvolle Systeme gespielt habe. Die ganzen "Einsteigersysteme" habe ich nie kennengelernt und hatte auch nie eine pubertäre Phase, in der ich einfach nur jeden Abend ein Monster töten wollte. Mir kommt es auf gute Charakterentwicklung an, stimmungsvolle Szenen und interessante Gespräche.

Na ja, und wenn meine Löwin einen Zauberork mit einem Schlag ihres Samuraischwerts in der Mitte spaltet, bin ich auch ein bisschen stolz.

Mittwoch, 17. Juni 2015

Harry Rowohlts Tabak, vom Winde verweht

Als ich gestern gelesen habe, dass Harry Rowohlt gestorben ist, war ich traurig. Es scheint ein schlimmes Jahr zu sein, so viele Größen treten ab. Christopher Lee beispielsweise ist für mich nicht nur ein beeindruckender Schauspieler, sondern auch ein Mann mit einer beeindruckenden Biographie gewesen. Wer sonst kann seinen Regisseur Peter Jackson aus eigener Erfahrung aufklären, wie es klingt, wenn ein Mann von hinten erstochen wird?

Harry Rowohlts Tod macht mich deshalb betroffen, weil ich ihn mal persönlich kennengelernt habe. Wenn ich an ihn denke, denke ich gar nicht an Pu der Bär oder an den Penner aus der Lindenstraße. Ich denke an diese fünf Minuten nach der Lesung "Marx und Engels intim" mit Gregor Gysi, 2011 im Schloss Neuhardenberg. Für meinen Artikel wollte ich gern noch ein paar Stimmen der Künstler haben. Während Gysi von seinen Bodyguards nach Ende der Veranstaltung zielstrebig aus der Kirche gelotst wurde, stand Harry Rowohlt ganz allein am Seitenausgang der Kirche und rauchte eine selbstgedrehte Zigarette.

An das Interview erinnere ich mich gar nicht so, ich stellte die üblichen Fragen. Aber ich erinnere mich an die gemütliche Stimmung, der weite Blick, die untergehende Sonne auf der weißen Kirchenwand. "Ich finde es furchtbar, wenn überall Zigarettenkippen herumliegen, auch als Raucher", sagte Harry Rowohlt, als er am letzten Stummel angekommen war. "Ich zeige Ihnen mal einen Trick." Er rollte das letzte Ende der erloschenen Zigarette auf und ließ den Tabak wie ein Opfer an die Erde im Winde verwehen - er rauchte filterlos. Dann nahm er sein Feuerzeug zur Hand und ließ das Fitzelchen Papier geübt in Flammen aufgehen, ohne sich dabei die Finger zu verbrennen. Nur ein leichter Geruch von Ruß blieb zurück und Harry Rowohlt lächelte in seinen Bart über mein Staunen. "Sehen Sie, da bleibt keine Spur."

Das war ein schöner und sehr persönlicher Moment, wie man ihn als Journalist mit einem "Promi" selten erlebt. Und eins ist sicher: Ansonsten hat Harry Rowohlt in seinem Leben viele Spuren hinterlassen.

Donnerstag, 21. Mai 2015

Bloggen oder nicht bloggen: Über Verantwortung und falschen Druck

Fast ein Monat seit meinem letzten Blogeintrag - der ausgerechnet darum ging, sich als Schreiberling in den Hintern zu treten und was geschafft zu kriegen. Süße Ironie - oder bittere? Als ich im April 2014 mit diesem Blog gestartet bin, hatte ich mir vorgenommen, jede Woche was zu posten und hab das immerhin grandiose zwei Monate durchgehalten. Es ist nicht mal so, dass mir keine Themen einfallen, aber weil ich den Anspruch habe, mehr zu schreiben als "Ich bin noch da und heute ist schönes Wetter", muss ich ein bisschen Gehirnschmalz und Kreativität in meine Texte stecken. Und je besser es mit meiner Selbständigkeit läuft (Kurze Werbeeinblendung: Journalismus, Lektorat und Umweltpädagogik), desto mehr muss ich diese beiden wertvollen Ressourcen unter meinen Tagesaufgaben aufteilen.

Also ist das nur eine etwas ausführlichere Art, um zu sagen: Keine Ahnung, was ich heute schreiben soll? Ups, erwischt! Aber je länger ich meinen Blog verwaist lasse, desto größer wird mein schlechtes Gewissen. Vor allem, wenn mein treuer Fan - meine Schwester - mich so ziemlich bei jedem Telefonat fragt, wann wieder was Neues kommt.

Es ist schön, seine Leser persönlich zu kennen. Das ist das, was ich auch am Lokaljournalismus mag: Zwar besteht die Gefahr, dass du als jemand, der in der Stadt lebt, über die er schreibt, voreingenommen ist. Andererseits schadet es garantiert nicht dem journalistischen Verantwortungsgefühl, wenn man am nächsten Tag dem Menschen auf der Straße begegnet, den man gerade verrissen hat. Und am Tag darauf und am Tag darauf.

Durch die Verknüpfung über Social Media wird plötzlich die ganze Welt zum berüchtigten Dorf, und manchmal mache ich mir Gedanken um den Druck, der dadurch entsteht - auch bei mir. Ich freue mich über Freundschaftsanfragen bei Facebook und finde Vernetzung wichtig. Außerdem habe ich so schon viele tolle Leute kennengelernt, wie zum Beispiel meine Lektoratspartnerin "Textehexe". Aber manchmal muss ich mich daran erinnern, wessen Meinung mir eigentlich wichtig sein sollte: die der Menschen, die mit mir durchs Leben gehen, bei denen ich zu spontanen Aufheiterungs-Pfannkuchen (für die Brandenburger: Eierkuchen) vorbeikommen und die ich noch nachts um halb zwei anrufen kann, wenn es mir schlecht geht. Und weniger die der "Community" mit ihren undurchdringlichen Motiven. Aber solange ich selbst eine meiner geliebten Schreibnächte sausen lasse, um lieber spontan mit einer Freundin an die Ostsee zu fahren, bin ich wohl noch nicht internetsüchtig.


Ich gehöre noch zur Generation, die nicht mit dem Internet aufgewachsen ist. Das erste Mal war ich mit ... 15 oder so online, im Internetcafé unserer Schule. Eine Freundin wollte mir zeigen, wie lustig es ist, in Chatrooms Leute zu veralbern. Wir gaben uns also als heiße Schnecken im kleinen Schwarzen aus, flirteten mit einem Kerl und lachten sehr viel, bis der plötzlich schrieb: "Ja, schon klar, Andi. Wir sehen uns gleich im Unterricht." Von der anderen Seite des Raums grinste uns eine dritte Freundin an - die uns gerade ganz schön hochgenommen hatte. Das hat sich bei mir sehr eingeprägt: Niemand stellt online den dar, der er wirklich ist.

Einmal bin ich in einem Forum wegen meiner "Reality first" und "Ich kenn euch doch nicht wirklich"-Einstellung angefeindet worden. Nochmal: Sicher kann man online wundervolle Freunde finden. Aber ich denke, an irgendeinem Punkt ist es doch schön, wenn man den Schritt weitergeht und Leute dann persönlich kennenlernt. (Aber bitte vorsichtig. Ladet NICHT wildfremde Männer zu euch nach Hause ein, wenn eure Eltern nicht da sind, wie ... Bitte nicht!) Mittlerweile gab es schon ein Schreibnacht-Treffen in Berlin und wir wollen das demnächst mit einem Picknick fortsetzen. Da freue ich mich schon sehr drauf.

P.S. Eine Meinung, die mir auch wichtig ist, obwohl ich die Person nur vom Telefon und aus Emails kenne, ist die meiner Lektoratskunden. Gerade gestern hat die Autorin meines aktuellen Auftrags einen ganz süßen Blogeintrag geschrieben über ihre persönliche Erfahrung mit dem ersten Abschnitt meiner Anmerkungen. Es ist wunderbar, in die Haut des anderen zu schlüpfen und seine Sicht auf die eigene Arbeit zu erleben. Das stärkt auch das Verantwortungsgefühl: Das ist ein Mensch, der mir sein "Baby" anvertraut. Entsprechend liebevoll, wenn auch streng, muss ich das Manuskript behandeln.