Montag, 11. August 2014

P.S. Am Straßenrand

Kleiner Nachtrag zu meiner Tramper-Geschichte: Gestern habe ich an der Auffahrt zum Berliner Ring eine Anhalterin mit Benzinkanister aufgesammelt. Schon ihr Winken (nicht Daumen raus, sondern mit flacher Hand "langsamer" signalisieren) hat mir gezeigt, dass sie aus Polen kommt. Sie konnte kaum Deutsch, aber schnell hatte ich die Geschichte begriffen: Auf dem Weg nach Stettin war die Tankstelle doch weiter weg, als das Navi anzeigte. Die Frau stand auf dem Standstreifen und vor der schwierigen Entscheidung, ihre drei Kinder - 13, 8 und 5 - im Auto zurückzulassen und selbst die A10 entlang zur Tanke zu trampen. Was auch sonst im Ausland? Jetzt war sie auf dem Rückweg. Aber das Auto steht auf der Gegenspur. Als wir vorbeifahren, ist da schon eine Streife mit Blaulicht. Die nächste Abfahrt: wegen Baustelle gesperrt. Die Mutter den Tränen nah. Die Kinder können kein Deutsch, haben kein Handy. Werden die Polizisten sie mitnehmen? Ich hab die Erleuchtung: Ich rufe 110 an und sage, dass wir auf dem Weg sind. Endlich an der richtigen Stelle. Die Kinder fallen Mama um den Hals und sie mir.  Die Polizisten verabschieden sich mit Handschlag und ermahnen mich, beim Ausfahren vom Standstreifen in den Spiegel zu schauen.  Jeden Tag eine gute Tat - so verkehrt ist das nicht.

Freitag, 8. August 2014

Werbeoffensive für Jesus


Alle Jahre wieder gibt es in Schwedt eine Großoffensive des Christlichen Plakatdienstes: In einer Stadt, in der 87,5 Prozent der Bevölkerung (Stand 2012) nicht den beiden großen christlichen Kirchen angehören - und die meisten davon einfach konfessionslos sind - tauchen plötzlich Plakate mit erbaulichen Bibelzitaten auf. Meinen die echt, sie können damit jemanden bekehren? "Zu suchen und zu erretten, was verloren ist" - sind damit die ganzen Heiden aus der Ex-DDR gemeint?

Als mir meine Eltern beim Umzug in die Uckermark halfen, sorgte meine Mutter für einen guten Lacher, als sie am Samstagabend beim Plausch mit einer Kellnerin meinte, wir könnten ja sonntags die Deckenlampen in die Platte hämmern, wenn eh alle im Gottesdienst seien. Die Brandenburgerin machte ein völlig verblüfftes Gesicht, wie jemand nur auf so eine Idee kommen könnte. Im gut katholischen Villmar habe ich mir schon Sprüche anhören müssen, wenn ich am heiligen Sonntag mein Motorrad wusch. Erst jetzt im Osten fällt mir auf, mit wie viel christlichem Hintergrund ich aufgewachsen bin: katholischer Kindergarten (damals der einzige in Villmar), Kindergottesdienst (in der evangelischen Nachbargemeinde), Konfirmation, katholische Universität.

In Eichstätt versuchte eine Nachbarin, mich mit Marienbildchen zum katholischen Glauben zu bekehren und erwies sich dabei als hartnäckiger als alle Zeugen Jehovas. Der Vater eines Mitbewohners schmetterte mir, wenn er mich am Telefon erwischte, ein "Gott liebt Sie, Andrea, Sie müssen ihn auch lieben" entgegen. Kurz: Ich kam mir manchmal wirklich wie eine Ungläubige vor, bis ich im Osten meinesgleichen gefunden habe.

Meinesgleichen? Das ist nicht korrekt. Denn vielen Schwedtern fehlt der christliche Hintergrund komplett. Karl Marx bezeichnete die Religion einst als "Opium des Volkes" (nicht "für das Volk") prangerte damit an, sie sei nur dazu da, um das Elend des Proletariats zu rechtfertigen. Unter dem DDR-Regime entwickelten sich die Kirchen zu Widerstandsnestern. Kein Wunder: Wer in der Kirche war, war meist nicht bei den Pionieren und damit Außenseiter, er durfte nicht alles studieren, manchmal nicht mal Abitur machen. So erzählen es mir alte Schwedter, die unter dem christenfeindlichen Klima litten. Keine Ideologie sollte dem Kommunismus Konkurrenz machen.

Das hat Folgen bis heute. Aber auch im Westen geht's der Kirche nicht gut. Missbrauchsskandale und teure Bausünden sorgen dort für Massenaustritte (8000 Menschen haben allein 2013 Tebartz-van Elst' Diözese Limburg den Rücken gekehrt - fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Im Artikel stehen 80 Prozent mehr, aber da kann ein Kollege nicht ganz rechnen.) und wirken sich im Osten auf alle Konfessionen aus. "Die Leute machen keinen Unterschied zwischen evangelisch und katholisch", sagte mir ein Mitglied des evangelischen Kreiskirchenrats Uckermark. "Die sagen nur: Was macht dieser Bischof für einen Blödsinn, ich gehe!" Wohlgemerkt - das sind jetzt schon die  Christen, die es eigentlich wissen müssten.

Heißt es automatisch, dass unsere Gesellschaft verfällt, wenn Leute nicht in die Kirche gehen? Das würde ich so nicht unterschreiben. Aber ich bedaure es nicht, den christlichen Hintergrund zu haben. Ich mache mir gerne Gedanken über die Gemeinsamkeiten von Judentum, Christentum und Islam (lieber als über die Unterschiede), die Vorstellung von einem Gott hat Architekten, Musiker, Künstler, Autoren und Philosophen über Jahrtausende hinweg inspiriert und beflügelt, ob sie sich an den Kirchen gerieben haben oder nicht. In Filmen und Büchern gibt es so viele Anspielungen an Bibelgeschichten, die jemand ohne jede Kenntnis davon gar nicht mitbekommt. Kirchliche Einrichtungen übernehmen zahlreiche gesellschaftliche Aufgaben und helfen denen, die es am nötigsten haben. Gottesdienste und Gemeinden geben Menschen Halt und Zusammenhalt. "Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden", da stimme ich Voltaire zu.

Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es Gott gibt. Aber ich halte es für möglich. Früher dachte ich mal, ich müsste für mich genau festlegen, wie mein Glaube oder Nichtglaube aussieht. Das sehe ich mittlerweile gelassener. Für mich ist frei nach der Theorie des Konstruktivismus (noch ein -ismus, aber was soll's. Den Link müsst ihr nicht lesen. Es ist echt kompliziert.) die Religion nur eine andere Art, die Welt zu sehen, als die der Wissenschaft: Wenn die Wissenschaft etwas beweist, dann nur im Rahmen der Wissenschaft. Und ein Gläubiger sieht jeden Tag den "Beweis" für die Existenz Gottes. Ich habe einen Bekannten, der sagt: "Wenn ich höre, jemand ist gläubig, ziehe ich zehn Punkte von seinem IQ ab." In der Diskussion mit ihm bin ich der größte Verteidiger der Religion. Wenn jemand die Bibel zu wörtlich nimmt, habe ich alle Argumente dagegen parat. Wer sich seiner Wahrheit zu sicher ist, wird schnell intolerant, und daraus entstehen so viele schreckliche Konflikte, werden Menschen verletzt und ausgegrenzt.

So, das ist also die nicht sehr spektakuläre Enthüllung meiner eigenen religiösen Agenda. Und wenn auch nur der allerkleinste Zweifel an dir nagt - glaub mir nicht.

P.S. Übrigens ist der Verein, der diese Plakate aufstellt, nicht mit dem seit über 60 Jahren existierenden Christlichen Plakatdienst Hamburg zu verwechseln. Diesen hier gibt es erst seit 2003 und wird von religionskritischen Internet-Seiten wie Psiram beobachtet. Beim Namen des Vorsitzenden Erhard von der Mark frage ich mich, ob das ein Pseudonym ist. Oder ist der echt ein Nachfahre des "Kardinals von Boullion" (das Herzogtum, nicht die Suppe) aus dem 16. Jahrhundert?

Donnerstag, 31. Juli 2014

Daumen hoch für Daumen raus

Hallo, liebe Freunde des Sommers! Ich bin in den letzten beiden Wochen einige tausend Kilometer in Deutschland unterwegs gewesen und habe dabei einem gefährlichen Risikosport gefrönt - zumindest, wenn man nach den Reaktionen meiner Familie und Freunde geht. Und damit meine ich nicht das Paragliding, bei dem ich mir vor zwei Jahren tatsächlich böse das Bein verdreht hab (und es trotzdem jedem empfehle als wunderbares Erlebnis).


Nein, ich habe auf einer Autobahnraststätte zwei Anhalter mitgenommen. Männliche. Und dabei bin ich auch noch Wiederholungstäter. So wie Reinhard Mey in seinem Lied "Drei Jahre und ein Tag" dafür plädiert, Handwerker auf der Walz mitzunehmen, breche ich eine Lanze für den Anhalter ohne Zimmermannskluft. Warum? Weil es sich dabei meiner Erfahrung nach um interessante und weltoffene Menschen handelt, deren Geschichten eine lange Autofahrt besser verkürzen können als jedes Hörbuch.

Abdullah und Florens zum Beispiel. Die sind tatsächlich Handwerker, aber nur in ihrer Freizeit per Anhalter unterwegs. "Das ist die beste Art zu reisen", sagt Abdullah, während Florens auf der Rückbank, eingepfercht zwischen Rucksäcken, Zelt und Isomatten, sofort einschläft. Die beiden haben ihren Urlaub an der Ostsee verbracht und sind auf dem Weg zurück nach Baden-Württemberg. Drei Stunden auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten, ist keine Seltenheit, erzählt Abdullah. Aber um vom Strand wegzukommen, hätten sie eine ganze Weile wandern müssen. Ein Autofahrer habe ihnen aus dem Fenster den Hitlergruß gezeigt und gerufen, sie sollten sich mal die Haare schneiden. "Das ist aber eine absolute Ausnahme", versichert der junge Mann. Was ihn am Trampen reizt? Nicht immer zu wissen, wo es einen hin verschlägt und wie lange man braucht, die interessanten Gespräche und nicht zuletzt der Umweltaspekt. Wenn man ohnehin in die gleiche Richtung will, warum nicht die Abgasschleuder vollpacken?

Auch in Deutschland hat er nie Probleme, an sein Ziel zu kommen, sagt Abdullah. Das überrascht mich ein wenig. Denn wenn ich Freunden erzähle, dass ich Anhalter mitnehme, kommt sofort der Satz: "Bist du mutig!" Und das in eher zweifelndem Tonfall. Ist es möglich, von einem kurzen Blick aus dem Fenster auf den Charakter eines Menschen zu schließen? Ich weiß es nicht. Aber ich bilde es mir ein. Und bislang bin ich noch nicht überfallen und ausgeraubt worden, sondern hatte einfach eine gute Zeit: mit den beiden Jungs, die ich nach Silvester von Bayern bis Hessen mitnahm und die mir von einer Straßenparty in Italien erzählten. Keiner verstand den anderen, alle tanzten. Mit dem polnischen Pärchen, das an einem Feiertag im strömenden Regen nahe Chojna stand, weil kein Bus fuhr. Er sprach gut Deutsch und gab mir Tipps, wo die Blitzer auf der Strecke stehen. Ich kenne Leute, die fahren nicht mal zum Tanken nach Polen, weil sie sich im Nachbarland unwohl fühlen. Manchmal scheint das sogar gerechtfertigt, wenn man an den Tankstellenkrieg von Krajnic Dolny, drei Kilometer vor Schwedt, denkt. Aber das heißt nicht, dass ich ein junges Paar zitternd am Straßenrand stehen lasse.

"Du solltest auch mal Anhalter ausprobieren", sagt Abdullah. Wobei er zugeben muss, dass er bislang nur eine einzige Frau getroffen hat, die alleine als Tramperin unterwegs war. Bis nach Belgrad, das fand selbst er gefährlich. Aber ob ich nicht jemanden hätte, der mitmacht? "Schönere Erlebnisse findest du nicht." Und erzählt mir von der Autofahrerin, die mit jugendlichen Nazis diskutiert, um ihnen einen Weg aus ihrem Hass zu zeigen. Na, ich zögere noch. Und bis ich den Mut finde, lasse ich mir von anderen ihre Abenteuer erzählen, die sie am Straßenrand und in fremden Autos erlebt haben. Da fällt mir ein: Ich hoffe, die beiden hatten ein Handtuch dabei...

Freitag, 11. Juli 2014

Merkel for Queen!

Manchmal ist die Wortwahl entlarvend. Wolfgang Schäuble hat in einem Interview bei Phoenix verraten, dass Kanzlerin Angela Merkel "not amused" sei angesichts der neuen Spionageaffären von US-Geheimndiensten. Übrigens: Deren oberste Repräsentant wurde nicht "ausgewiesen", wie verschiedene Medien schreiben, auch wenn sich die Süddeutsche noch etwas glücklicher ausdrückt als die Welt. Die "Aufforderung zur Ausweisung" (hä?) soll eben verhindern, dass die Bundesregierung zum ultimativen Affront greifenund ihn zur "persona non grata" erklären muss. Mir scheint, die deutsche Medienlandschaft ist kollektiv überrascht, dass Merkel endlich mal klare Worte findet, nachdem sie beim NSA-Abhörskandal doch eher zurückhaltend agierte.

Wortwahl ist mein Thema. "Bei der britischen Königin würde man sagen: not amused" war Schäubles genaue Aussage. Flapsig gemeint, klar, aber interessant. Ist Angela Merkel nicht nur "Mutti", sondern auch Königin von Deutschland? Weil sie unangreifbar scheint, immer gediegen, repräsentativ, gefasst, selten echte Gefühle zeigt? Das Bild meiner Mutter von der englischen Königin wird durch eine winzig kleine Episode geprägt, die vor vielen Jahren im Fernsehen am Rande zu sehen war: Elisabeth II. kehrte von einem Staatsbesuch zurück und wurde am Flughafen mit allem Pomp empfangen. Mit dabei auch der kleine Charles, damals nur wenige Jahre alt, herausgeputzt an der Hand seiner Nanny. "Sie hat ihn nicht mal angesehen, während sie die ganzen Politiker begrüßt hat", erzählt meine Mutter noch heute. Das hat sie der Queen nie verziehen, viel mehr als die zurückhaltende Reaktion angesichts des Todes von Lady Diana.

Den Faden kann man weiterspinnen: Die Queen regiert auf Lebenszeit - Merkel forever? bitte nicht! Aber tatsächlich scheint es aktuell keine Alternative zu ihr zu geben, solange der rote Koalitionspartner keinen Sympathieträger gegen sie aufstellen kann. Die englischen Royals stehen wie die deutsche Regierung unter Sparzwang. Und auch wenn Angela Merkel nicht zuletzt ob ihrer Frisur als Zielscheibe des Spottes angefangen hat, entwickelt sich ein Kult um ihren Stil, ob sie beim Fußball jubelt, beim Kanzlerduell eine scheinbar "falsche" Kette trägt oder ihre Hände in der "Merkel-Raute" hält. Die hat sie sich übrigens von Mr. Burns, dem Atomkraftwerk-Besitzer aus den "Simpsons", abgeschaut und einfach umgedreht, damit sie nicht so böse aussieht - "ausgezeichnet". Obwohl keiner so recht weiß, wofür Angela Merkel eigentlich steht, sind 71 Prozent der Deutschen mit ihrer Politik zufrieden. Selbst ich kann mir manchmal nicht helfen und freue mich, wenn ich sie als bunten Farbfleck inmitten der Anzüge anderer Regierungschefs stehen sehe. Dabei, finde ich, nutzt es nichts, sich über die erste Frau an der Spitze eines Staates zu freuen, nur weil sie eine Frau ist.

An einem Punkt hören die Gemeinsamkeiten zwischen Merkel und der britischen Monarchin auf: Die Queen ist zwar das Staatsoberhaupt von Großbritannien, hat aber keine wirkliche Macht. Den Eindruck macht Angela Merkel nun nicht, auch wenn man nicht genau weiß, welche Lobbyisten wo die Strippen zu ziehen versuchen. Würde sich Schäuble manchmal wünschen, "Mutti" hätte nicht so den Daumen drauf?

Montag, 30. Juni 2014

Puppenspieler

Es tut mir leid, aber statt eines normalen Blog-Eintrags gibt es diesmal Werbung. Aber ich bin gerade zu begeistert vom TheaterFigurenMuseum, das ich am Wochenende in Lübeck entdeckt hab. Ich habe so gut wie nie mit Puppen gespielt, sondern mit Kuscheltieren. Schleppte jemand eine Barbie an, mussten wir unsere Fantasie anstrengen um zu erklären, warum da gerade ein menschengroßer Igel vor der Haustür steht. Aber wir reden hier nicht einfach von Puppen, sondern von einer uralten Schauspielkunst, die Menschen seit Jahrhunderten in allen Kulturkreisen ausgeübt haben.

Heute sind viele herumreisende Puppentheater auf irgendwelche Supermarktparkplätze abgeschoben und ansonsten in den Kindergarten verbannt. Für mich gehören die Begegnung mit einem Bauchredner und seinem sprechenden Pfern und eine Marionetten-Gruselgeschichte zu meinen schönsten Kindheitserinnerungen. Ich kann heute noch den Grenzsteinversetzer, der nach seinem Tod als Geist herumwandern musste, stöhnen hören: "O Not, o Pein, wohin mit dem Stein?" Von der Augsburger Puppenkiste mal gar nicht zu reden! Als meine Freundin aus Frankfurt Oder sagte, sie kennt Jim Knopf und Lukas nicht, ist mir zum ersten Mal richtig bewusst geworden, dass wir wirklich in zwei verschiedenen Ländern aufgewachsen sind. Und ihr ging es genauso, weil ich mit Pittiplatsch nichts anzufangen wusste. Im Museumsshop in Lübeck gibt es übrigens beide. Vereintes Deutschland!

Fritz Fey, aus einer Puppenspielerfamilie stammend, hat auf Reisen durch Europa, Asien und Afrika alles gesammelt, was ihm an verschiedenen Theatertraditionen begegnet ist. 1000 Exponate, neben Figuren auch Kulissen, Zeitungsausschnitte, Werbeplakate und Kurzfilme, sind auf mehrere Stockwerke verteilt.

Aufgefallen ist mir das Haus in einer Seitenstraße nahe dem Holstentor eigentlich nur durch diesen beeindruckenden Baum hinter der riesenhohen Mauer. Dass in allen Fenstern Puppen sitzen, fiel mir erst beim Näherkommen auf. Und wer jetzt glaubt, mit dem Kasperle ist es getan, hat sich gründlich geirrt!
Und wenn etwas ins Wasser fallt, dann fress' ich's halt.

Die Sense ist gewetzt.
Aus dem Puppen-Trickfilm "Das Schloss"
Der Expressionismus beeinflusste nicht nur die Malerei.
Ich dachte, diese europäischen Vertreter des Schattenspiels seien detailreich geschnitten, bis ich zu den asiatischen kam:
Ist das eine Stimmung?
Stangen-Schlenkerfiguren gab es schon in der Antike. Die Figuren sind fast menschengroß. Auf Sizilien erzählten Puppenspieler bis ins 20. Jahrhundert hinein Geschichten über den Kampf der Paladine gegen die Sarazenen.

... wobei hier wohl mal der Sarazen gewonnen hat.
Aber auch Marionetten gibt es weit jenseits von Augsburg:
Schaut euch nur mal die beweglichen Augen des Kerls an!
Der Schauspieler in Nigeria trug die Maske, das Reden und Händefuchteln übernahm der kleine Mann auf seinem Kopf.

Ich hätte mir teilweise sogar noch mehr Hintergrundinformationen gewünscht, aber auch so bin ich stundenlang in diese fantastische Welt abgetaucht, die wieder mal zeigt, wie viel alle Menschen gemeinsam haben. Und am Ende konnte ich nicht widerstehen und hab mir eine Handpuppe gekauft. Auf der Heimfahrt hab ich schon mal ein bisschen die Fingerfertigkeit geübt beim Lenken und Schalten - böse, was auch sonst beim bösen Wolf!
Übrigens trägt sich das Museum gerade so selbst. Die Motten aus den alten Stücken rauszuhalten, ist nicht leicht. Also: Unterstützt es mit eurem Besuch, wenn ihr in der Nähe seid!






Freitag, 20. Juni 2014

Asyl mit Rollstuhl

Ein Asylbewerber springt aus dem Fenster, ein anderer arbeitet schwarz, der Dritte wird zusammengeschlagen - Deutsch können sie nach Jahren immer noch nicht. Solche Geschichten habe ich auf einer x-beliebigen Pakbank gehört, als ich mich nur mal getraut habe, mit der Gruppe dort ins Gespräch zu kommen.

Es gehört zu den traurigen Tatsachen, dass langandauernde humanitäre Katastrophen schnell von "aktuelleren" Konflikten aus den Medien vertrieben werden. Eine Tagesschau ist nur eine Viertelstunde lang, der überregionale Nachrichtenteil einer Zeitung umfasst nur soundsoviel Seiten - und solange keine Deutschen betroffen sind, gilt der Nachrichtenwert als gering. Eine Studie kommt schon 2007 zu dem Ergebnis, dass Nachrichten unpolitischer werden, amüsieren wollen und Service bieten - und Themen aus der sogenannten Dritten Welt am ehesten durch das Raster fallen.

Der Bürgerkrieg in Syrien beispielsweise ist von der Ukraine fast völlig verdrängt worden. Er kommt nur dann zur Sprache, wenn es um die konkreten Auswirkungen auf Deutschland geht: Die Angst, dass radikale Kämpfer, die nach Deutschland zurückkehren, hier Anschläge verüben könnten, und die Frage, wie viele Flüchtlinge man aufnehmen kann und will. Mit dem Slogan "Wir sind nicht das Sozialamt der Welt" sind die Rechten in den Europawahlkampf gezogen. Nur leicht abgewandelt war das auch auf den Plakaten der AfD zu lesen und wurde in der letzten heißen Phase sogar von der Kanzlerin angedeutet (da sie ja klare Worte meist scheut). Was hier auf andere EU-Mitglieder gemünzt war, zeigt aber schon durch die Wortwahl "Weltsozialamt", dass es sich gegen alle richtet: eine Mauer um Europa/Deutschland und Ruhe! An das Einzelschicksal denken sie nicht, wollen sie nicht denken. Wer sich, wie einer meiner Lieblings-Autoren Neil Gaiman, vor Ort in einem Flüchtlingslager umsieht, kann angesichts dieser egoistischen Abschottung nur brechen!

Nicht nur die Flüchtlingszahlen aus Syrien sind extrem gestiegen. 2013, schreibt Pro Asyl unter Berufung auf das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, sind 63.000 mehr Menschen aus dem Sudan nach Europa geflohen als im Jahr zuvor. Sudan? Was war da? Der Beginn des Dafur-Konflikts wird mit 2003 benannt, aber ich weiß von meinem Praktikum bei Zeit-Online aus 2004, dass das Morden schon sehr viel länger anhält. Ich kann nicht behaupten, alle Hintergründe begriffen zu haben. Ich möchte nur von meiner Begegnung mit Asylanten aus dem Sudan erzählen. Ich habe sie nicht in der Uckermark getroffen, aber in einer ländlichen Gegend. Das ist das einzige, was ich aus Personenschutz-Gründen dazu sage.

Die Männer auf der Bank wollen ein bisschen Deutsch üben. Ehe ich es mich versehe, sitze ich mittendrin, und im Laufe des Gesprächs wechseln wir ins Englische, weil die Themen zu kompliziert wurden, um sie in der weniger geübten Fremdsprache auszudrücken. Viele der Asylbewerber leben schon seit Jahren in einem deutschen Flüchtlingsheim. Doch solange ihr offizieller Status nicht geklärt ist, gibt es auch keinen Anspruch auf einen Integrationskurs. In Ostprignitz-Ruppin versucht eine Bürgerinitiative, diesem Missstand abzuhelfen, aber das gibt es eben leider nicht überall. Der Kontakt zur einheimischen Bevölkerung ist auf dem Land oft schwierig, wo Menschen mit einer anderen Hautfarbe noch eine Seltenheit sind.

Umso mehr schütten die Männer mir nach und nach ihr Herz aus. Einer trägt seltsame Narben im Gesicht und erzählt mir, wie er eines Abends einer Gruppe Neonazis begegnete. Er drehte sich um, um davonzulaufen - "und das ist das letzte, woran ich mich erinnere". Er wachte erst drei Tage später im Krankenhaus auf. Trotzdem ist gerade er es, der "die Deutschen" gegenüber seinen Freunden verteidigt. Er ist dafür, die Menschen differenziert zu betrachten. Kaum weniger erschreckend ist die Geschichte des Manns im Rollstuhl. Einmal stand die Polizei im Asylbewerberheim vor seiner Tür, um eine Kontrolle zu machen. Weil im Sudan der Umgang mit "Gesetzeshütern" Folter und Tod bedeuten kann, sprang er in Panik aus dem Fenster - aus dem dritten Stock. Seither ist er querschnittsgelähmt. In Wladimir Kaminers "Russendisko"ging eine ähnliche Geschichte gut aus, weil ein Wahlplakat der Republikaner als rettender Halt diente. Als ich den Asylbewerber im Rollstuhl sehe, kann ich plötzlich nicht mehr so leicht darüber lachen. Ein dritter Sudan-Flüchtling gibt zu, schwarz zu arbeiten. Er hat eine deutsche Freundin und das Gefühl, dass selbst sie keinen Respekt vor ihm hat, weil er in einem Heim wohnt und auf Unterstützung angewiesen ist. "Was bin ich für ein Mann, wenn ich nicht mein eigenes Geld verdiene?", sagt er, das Gesicht voll verletztem Stolz und Trotz.

Ja, sobald man das Einzelschicksal kennt, wird es immer schwieriger, allgemeine Regeln aufzustellen. Wie das die Angestellten der zuständigen Behörden nur aushalten?

Mittwoch, 11. Juni 2014

Eis rund um die Welt



Uh, wie die Sonne scheint, uh, wie die Vögel zwitschern, jammern die Kinder aus Bullerbü. Von mir soll es kein böses Wort über die Sonne geben angesichts der Gewitter, die andere Regionen treffen. Im vergangenen Jahr sind im Altkreis Angermünde 72 Storchenkinder in ihren Nestern ertrunken oder erfroren. In diesem Jahr nisten allein acht Paare im künftigen Europäischen Storchendorf Criewen und staken abends über die abgemähten Heuwiesen, auf der Suche nach Mäusen. Die vom Bevölkerungsschwund geplagte Uckermark soll’s freuen, immerhin lässt sich ein statistischer Zusammenhang herstellen zwischen mehr Störchen und mehr Babys. 




Einen herrlichen Sommerstart hat auch der Eismann am Schwedter Bollwerk. Obwohl aus Meyenburg und erst seit gut zehn Jahren mit seinem Wagen vertreten, gilt er als Schwedter Original und ist sogar auf der großen Wandmalerei am Bühnenturm verewigt. Bei einem Workshop zum Thema Neugestaltung der Uferpromenade benannte die Mehrheit der Schwedter durch alle Altersklassen das Rondell am Eismann als ihren Lieblingsplatz.

Das heißt aber nicht, dass es nie etwas zu meckern gibt. Jüngst habe ich mitbekommen, wie ein Großvater seinem Enkel vorgerechnet hat: „70 Cent für eine Kugel, das sind 1,40 Mark und 2,80 DDR-Mark!“ Ja, es ist schon schlimm genug, sich an eine Währungsreform zu erinnern und an die schönen Preise, die man im Kopf bequemerweise auf dem Stand von 2002 einfrieren konnte. Der Mythos vom „Teuro“ hält sich so penetrant, dass ganze Parteien damit Sitze im EU-Parlament gewinnen - oder auch nicht.

2002 war ich in Neuseeland und musste der deutschen Reiseleiterin, die den Jahreswechsel auf der anderen Seite der Erdkugel verbracht hatte, erst mal die neuen Euro-Münzen zeigen. Damals hatte der Herr-der-Ringe-Boom das Land noch nicht überrollt. Der erste Teil der Trilogie war draußen, die ganze Reisegruppe las Tolkiens Bücher und eine Schokoriegel-Firma verloste den Einen Ring. Neuseeländer wie unser Guide Barry waren milde amüsiert über die Computer-veränderte Landschaft. Der Bauer, der seine Wiese zur Verfügung gestellt hatte, um das Shire zu bauen, hatte sie, wie im Vertrag vereinbart, wieder im Ursprungszustand zurück bekommen. Tatsache: Das Filmset, das man heute besuchen kann ist nicht das Original, sondern nach dem Erfolg der Filme noch einmal neu angelegt. 2002 bekam ich für 70 neuseeländische Cent (35 Euro-Cent) eine Eiswaffel komplett vollgestopft. Das ist heute, wo Jackson-Jünger durchs Land pilgern, auch nicht mehr so.

Au, akutes Fernweh! Und in Neuseeland wäre jetzt Winter...