Montag, 24. Oktober 2016

BuCon statt #fbm: Klein, aber fein

Hier ist auch Messe, es sieht nur keiner
Am Frankfurter Hauptbahnhof kommen erstmal ein paar Cosplayer an mir vorbei, ich bin nicht sicher, ob das Hasenohren oder außerirdische Antennen sein sollen, die sie auf dem Kopf haben. Das Rätsel kann ich jetzt nicht lösen, denn sie drängen in die entgegengesetzte Richtung, zur Frankfurter Buchmesse, während ich mit S-Bahn und Regionalzug den fast einsamen Weg nach Dreieich-Sprendlingen antrete. Hier findet am Samstag parallel die BuCon statt. Noch nie gehört? Es gibt sie seit 31 Jahren und hier wird regelmäßig der Deutsche Phantastik Preis verliehen.


Am Ziel spaziere ich vom menschenleeren Bahnsteig durch den vermatschten Park zum Bürgerhaus - und fühle mich sofort wohl: Einen kleinen Saal gibt es, halb zugestellt mit Ständen, die andere Hälfte bietet Platz für Tische zum Essen und Plauschen. Ich bin, muss ich zu meiner Schande gestehen, noch nie auf der FBM gewesen, nicht mal, als ich noch in Hessen wohnte und die Schülerzeitung meines Vaters regelmäßig dort Preise für die beste Schülerzeitung Hessens verliehen bekam. Sie ist mir schlicht zu groß. Ich schaffe ja kaum die Leipziger Messe, ganz davon abgesehen, dass zum Kontakte-Knüpfen in dem Gewühl kaum Gelegenheit ist. Im Gegensatz zur BuCon. Denn hier springt mir als Erstes der Stand meiner Agentur Ashera ins Auge.

Hier bekomme ich mal Gelegenheit, liebe Kollegen (besser) kennenzulernen, wie Annika Dick, die erstmal Leute mit Lesekatzen-Buchboxen glücklich macht. Gabriele Ketterl hat den Tisch passend zu ihren Venezianischen Vampiren mit Fledermaus-Lakritze dekoriert. Ihre Bücher gehören zum Auftakt der Vampir-Reihe bei Fabylon, in der im kommenden Jahr auch meine "Gnackzuuzler" erscheinen sollen. Von wegen, das Genre ist ausgelutscht (pun intended)!

Von Guido Krain höre ich mir eine Lesung aus seiner Space-Opera-Serie an und habe viel zu lachen bei seinem trockenen Humor.

Völlig überrascht bin ich dagegen, Ju wiederzusehen - ich habe sie allein als Filkerin, nicht Autorin abgespeichert, sträflicherweise. Also: Die BuCon ist wunderbar, wenn man Autoren richtig gut kennenlernen möchte - aber es hilft auch, manche schon zu kennen, um einen Anker zu haben. Am Ende, bevor ich wieder zum Zug hetzen muss, bekomme ich von der Trägerin des Deutschen Phantastik Preises 2016, in der Kategorie Bester deutschsprachiger Roman, noch einen Kaffee ausgegeben. Hab ich nicht eine tolle Lektorats-Kollegin? Herzlichen Glückwunsch auch nochmal hier! Feuerjäger habe ich natürlich längst verschlungen. Auch wenn auf den ersten Blick typische Elemente dabei sind - Zwerge in unterirdischen Städten, Gestaltenwandler, Trolle -, schafft es Susanne, diesen Geschichten einen ganz neuen Dreh zu geben. Ganz davon abgesehen, dass es gut tut, mal nicht einem jugendlichen Helden auf dem Weg zum Erwachsenenwerden zu folgen, sondern mit einer gestandenen Kämpferin mitzufiebern, die Zipperlein hat und eine entfremdete Tochter und Traumata vergangener Kriege totsaufen möchte.

Kaffeerösterei in der Limburger Altstadt
Dieser Abstecher zur BuCon war völlig ungeplant und viel zu kurz. Eigentlich war ich nämlich mit meiner Schwester auf Städtetrip - und in Ermangelung des Kleingeldes haben wir den in diesem Jahr einfach in Limburg gemacht, wo sie wohnt. Wann macht man schon mal Sightseeing in der Stadt, neben der man aufgewachsen ist? In der neuen Kaffeerösterei sterben wir den Schokoladentod mit der dortigen Torte, ich hole mir meine Lieblings-Heiße-Schokolade mit Chili im Schokoladenhaus ab, finde am Kornmarkt einen neuen Whiskyhändler, der das perfekte Getränk anbietet:


Besonders schön ist der Nachtspaziergang am Dom entlang (im Dunkeln sieht selbst die Kapelle des Bischofsitzes gegenüber nicht mehr ganz so wie ein Alienschiff aus). Das zeigt mal wieder: Es lohnt sich tatsächlich, sich die Sehenswürdigkeiten vor der eigenen Haustür anzusehen. Dafür muss man nicht warten, bis man wie ich 650 Kilometer weiter weg gezogen ist.
Friedhof am Limburger Dom
Holzschnitzereien in der Altstadt. Die Häuser sind teilweise über 400 Jahre alt

Schräge Deko-Ideen: Wie wäre es mit einem originalgetreuen Dinosaurierskelett für 4200 Euro?

Dienstag, 4. Oktober 2016

Viele Herzen, eine Stimme oder: Die wunderbare Welt des Filk

Einmal komplett eingeräuchert von vier Dampfloks - gut haltbar gemacht fürs Wochenende
Sie stellen Han Solo als US-Präsidentschaftskandidaten auf, geben Reisewarnungen an Aliens, die die Erde besuchen wollen, ehren Anna von Kleve, die vierte Frau von Heinrich VIII., und verwandeln eine Liebes- in eine Zombiegeschichte: Willkommen in der Welt des Filk! Ob historische Figuren, uralte Mythen, moderne Fantasy-Serien und natürlich der Ursprung des Filk, die Science Fiction - alles lässt sich in ein Lied verarbeiten. Wenig überraschend, ist die Szene eng mit der der Rollenspieler verknüpft. Und ich bin jetzt schon zum zweiten Mal ein verlängertes Wochenende ganz in diese Welt abgetaucht.

Bei meiner ersten FilkContinental im vergangenen Jahr kannte ich bis auf die Freundin, die mich dorthin geschleift hatte, keinen Menschen. Ich wusste nicht genau, ob ich dorthin passen würde, da ich keine Liedtexte schrieb, geschweige denn komponierte. Während ich im Foyer herumsaß und auf meine Freundin wartete, nahm mich sofort Gary unter seine Fittiche. Der Amerikaner hat ein ganzes Buch über die Geschichte des Filk geschrieben, führt es auf die frühen Scifi-Conventions der 40er Jahre zurück und sieht Vorläufer in Liedern wie "In my Merry Oldsmobile", in dem Billy Murray 1909 die neue Errungenschaft des Autos besingt. Am ersten Abend im "Circle", im Kreis, wünschte sich Gary prompt ein Lied von mir und zwang mich so, meine Bühnenangst sofort bei den Hörnern zu packen. Natürlich drohte mir meine Stimme zu versagen, doch nach der ersten Strophe fielen die anderen in das Lied ein und trugen mich zu neuen Höhen. Es war ein magischer Moment.
In diesem Jahr (das unter dem Motto 50 Jahre Star Trek stand) wurde ich gleich von allen Seiten mit Umarmungen begrüßt. Im Gepäck hatte ich zwei selbstgedichtete Lieder zu bekannten Melodien: "Ash in the Wind" (aka "Dust in the Wind") über einen Vampir, der in der Sonne Selbstmord begeht, und "The Filk-Gardener", eine Hommage an die lieben Leute, die mir im Jahr davor so viel Mut gemacht hatten. Ausgerechnet mir als Autor und Lektor fällt es schwer, auf Deutsch Lieder zu verfassen, es kommt immer steif und "Reim mich oder ich fress dich" rüber, deshalb flüchte ich mich in die Fremdsprache. Vielleicht, weil ich da ohnehin mehr auf den Klang höre. Ruckzuck hatte ich eine Band zusammen, die mich mit Zweitstimmen, Gitarre und Flöte beim Auftritt begleitete. Und diesmal hab ich den Moment, an dem die Stimme versagen will, alleine überwunden.

"Only for a moment I see the sun again"


Diese Auftritte helfen mir auch, mich für Lesungen vorzubereiten. Ansonsten kann ich immer nur in wortlosem Staunen da sitzen, wenn die anderen Eigenkompositionen vortragen, zwischen fünf Instrumenten hin und her wechseln, spontan Soli und Harmonien für Lieder entwickeln. Über achtzig wahnsinnig kreative Leute sperren sich drei Tage in einer Jugendherberge ein und machen nichts anderes als Singen, musizieren, tanzen und Seminare übers Liederschreiben hören. Nebenbei wird gemalt, gestickt, gestrickt, geschminkt und selbstgemachte Marmeladen versteigert (Birne-Schokolade, heute Morgen getestet - lecker!). Trotzdem sind sie nicht völlig der Welt entrückt. "The Faithful Sidekicks", Ersttäter aus Minnesota, starteten in Reaktion auf den US-Wahlkampf eine Kampagne für Han Solo als Präsident - immerhin hat er die Galaxie gerettet, wer will dagegen argumentieren?

Von purer Wut getrieben war das Lied "Let them pay" einer britischen Sängerin über die Verantwortlichen des "Brexit", die sich nach angerichtetem Chaos verabschiedeten. Ehrengäste Barry & Sally trugen ein ergreifendes Lied vor über verstorbene Freunde, das selbst mir, die keinen davon persönlich kannte, die Tränen in die Augen trieb. Bis auf einen, der uns bei der FilkCon 2015, wohlwissend um seinen unheilbaren Krebs, "I'm not yet dead" skandieren ließ.

Filk ist also keine Realitätsflucht, genauso wenig wie lesen oder Rollenspiel, denn es werden die essentiellen Fragen der Menschheit aufgegriffen: Liebe, Leben, Tod, Veränderung, Verzweiflung und was uns zusammenhält. "Many hearts, one voice" - viele Herzen, eine Stimme - von Steve Macdonald beschreibt dieses wunderbare Gefühl, in der Filkergemeinschaft Gleichgesinnte zu finden, mit denen man ohne Erfolgsdruck kreativ sein kann, gemeinsam lachen und weinen.

Und versagen - denn bei dem Auftritt unserer spontan ausgelosten "Insta-Bands" ließ ich mich zu einem Flötensolo breitschlagen - seit Klarinetten-Zeiten ein kleines Trauma von mir. Als ich es prompt vergeigte (öm... Flöte vergeigen?) und frustriert von der Bühne ging, trösteten mich Jen und Eric: "Es war wunderbar und das passiert jedem Mal. Du hast wieder reingefunden, ist doch gut." Abends bei der Jamsession mit Barry fing ich sogar an zu improvisieren. Am Rande kamen wir im Gespräch zu dem Schluss: Jede Fremdsprache, die wir beherrschen, ist eine neue Art, die Welt zu betrachten, weil sich vieles gar nicht übersetzen lässt und durch die Geschichte und die Weltsicht der Nation geprägt ist. "Wer viele Sprachen spricht, kann gar keine Vorurteile mehr haben", sagte Barry. Ich wette, das gilt auch für Klingonisch.

Donnerstag, 1. September 2016

Berlin oder: Die Leiden von Lektor und Autor

Lustig, wenn einen beim Kotelett-Essen vom Nachbartisch der Hund eines ehemaligen ZDF-Chefs anhimmelt. Gestern war ich mit Freundinnen in Berlins (angeblich) ältesten indischen Restaurant. Der letzte Augusttag war noch warm genug, um draußen auf der Straße zu sitzen, und Nikolaus Brender war nicht der einzige, der den Abend genoss. Nebenan vor dem La Cantina saß der Schauspieler Hannes Jaenicke und diskutierte mehrere Stunden mit seinem Begleiter - vielleicht ein neues Projekt, irgendwie kam mir der Strohhut des anderen bekannt vor, vermutlich ein Regisseur.


Genial oder bescheuert? Schwer zu sagen
In Charlottenburg kommt also die Prominenz zusammen, wenn sie mal etwas Ruhe haben will. Auf der durch S-Bahn-Ausfälle bedingten Odyssee zurück zum Park and Ride Parkplatz Pankow kam ich mit einer Dame ins Gespräch, die zwar in Berlin wohnt, es aber nicht liebt. "Eigentlich ist das keine Stadt, es ist eine Patchworkdecke, und jeder bleibt in seinem Kietz", sagte sie.
Irgendwie sehen diese armen Viecher zutiefst verängstigt aus
Trotzdem ist mir die Stadt mittlerweile etwas ans Herz gewachsen, auch wenn ich mich jedes Mal über die Rückkehr in mein idyllisches Schwedt freue.
PCK und Unteres Odertal - so nah
Besonders wegen des guten Essens und der Programmkinos fahre ich gerne in die Hauptstadt, und natürlich wegen der Drehkreuz-Lage, die es mir erlaubt, Freunde auf Durchreise zu treffen, die ich sonst zu selten sehe.

Der Film, der mich in dieser Woche beeindruckt hat, war "Genius - Tausend Seiten einer Freundschaft" über die Beziehung des amerikanischen Schriftstellers Thomas Wolfe und seinem Lektor Maxwell Perkins. Die amerikanischen Kritiker mögen in dem Film Längen bescheinigen und die Emotionen vermissen, mir ging das überhaupt nicht so. Vielleicht aber auch nur, weil ich die Situation so gut nachfühlen konnte. Von mir aus hätten diese beiden von mir hochgeschätzten Schauspieler noch viel länger miteinander um jeden zu kürzenden Satz streiten können.

Als freie Lektorin habe ich den Vorteil, dass ich "nur" dem Autor und seinen potentiellen Lesern verpflichtet bin und nicht noch Verlagsinteressen oder -programme beachten muss. Aber "Max" hat mir ein paarmal voll aus der Seele gesprochen. Ich kann nur aus dem Kopf zitieren, der Kinostart ist zu frisch, um den genauen Wortlaut online nachzurecherchieren. "Es ist Ihr Buch. Ich bin nur dazu da, um das Beste herauszuholen", ist ein Satz, den ich auch immer wieder sage. Gerade mit ihrem Erstling sind viele Autoren so unsicher und haben gleichzeitig Angst vor Kritik. Und natürlich davor, ihren Stil weggenommen zu bekommen. Dabei bleibt es ihnen am Ende natürlich selbst überlassen, ob meine Kritik sie überzeugt.

"Das ist eine Frage, die uns Lektoren nicht schlafen lässt: Machen wir ein Buch wirklich besser oder nur anders?" Diese Aussage verwendet Thomas Wolf in einer Frustphase später gegen seinen Freund und wirft ihm vor, das Werk verstümmelt zu haben. Es ist immer eine unglaubliche Gratwanderung, aber man muss auch mal hart sagen: Jeder kann mit seinem Stil im Elfenbeinturm vereinsamen, wenn er die Leser damit nur verwirrt und nicht anspricht. Ich finde, der Film ist eine wunderbare Repräsentation, wie viel harte Arbeit von beiden Seiten in einem Buch steckt. "Geschichten sind wie Fundstücke, Fossilien im Boden", sagt Stephen King. "Egal, wie gut Sie sind, egal wieviel Erfahrung Sie besitzen, es wird wahrscheinlich nicht möglich sein, das gesamte Fossil ohne eine einzige Schramme oder Macke freizulegen." Aber gemeinsam haben Autor und Lektor vielleicht größere Chancen.
Die beste aller möglichen Welten

Montag, 1. August 2016

Aus dem Nest geschüttelt

Als ich mit diesem Blog anfing, hatte ich gar nicht vor, zu viel über meine persönlichen Befindlichkeiten zu schreiben. Eigentlich sollte es mehr um Gemeinsamkeiten statt Unterschiede zwischen Ost und West gehen, zwischen Religionen und Ländern, Kleinigkeiten, die mir bei meinen Reisen aufgefallen sind, am besten humorvoll verpackt. Aber in diesem Jahr bin ich zwangsläufig auf mich selbst zurückgeworfen worden und immer noch damit beschäftigt, mein Leben auf die Reihe zu bekommen. Die weiteste Reise, die ich unternommen habe, war an den Sueskanal. Nicht den in Ägypten, sondern bei Lehde im Spreewald, wo ich zur Reha war.


Bitte die Beschilderung beachten
Deshalb hat mein Blog seit Mai geruht. Dabei überschreite ich momentan ständig Grenzen, wenn auch mehr persönlicher und innerer Art. Die Schmerzgrenze hängt zum Glück wieder ein ganzes Eckchen höher, seit ich mich durch das Reha-Programm gequält habe. Der innere Schweinehund wird gerade schwer getreten. Für jeden Tag Sport gibt es halt keine Alternative mehr, wenn ein Stück Bandscheibe fehlt.

Aber so aus dem Nest geschüttelt zu werden, tut auch gut: Man hat Zeit, sich umzusehen und neu zu überlegen. Mir ist aufgefallen - natürlich im Nachhinein -, dass ich schon wieder dabei war, mir mein eigenes Hamsterrad zu basteln, aus dem ich mit der Selbstständigkeit entkommen zu sein glaubte. Ein ganzes Jahr lang fast jeden Tag zwischen acht und zwölf Stunden und länger am Schreibtisch sitzen, um alles in Gang zu bringen - kein Wunder, dass der Rücken irgendwann streikt. "Die Franzosen arbeiten, um zu leben, die Deutschen leben, um zu arbeiten", sagt der Volksmund. Eine Umfrage vom Januar zeigt zwar ein anderes Bild, aber was wir sagen und wie wir uns verhalten, sind oft zwei verschiedene Dinge. Ich habe mit meiner Selbständigkeit einen Schritt in die Richtung Selbstverwirklichung getan, aber alte Gewohnheiten sind schwer abzulegen. Gerade dass ich meine Arbeit so sehr liebe, birgt die Gefahr, dass ich ihr alles andere unterordne. Ich mache keinen Urlaub, ich nehme mir keine freien Wochenenden, ich schalte abends nicht ab. 

Jetzt zwingt mich das Piksen und Ziehen im Rücken dazu, spätestens nach einer Stunde am Schreibtisch eine Pause einzulegen, Gymnastik zu machen, zu laufen, zu schwimmen, radzufahren, mich mal in die Badewanne oder aufs Sofa zu legen. Und auf einmal habe ich eine Balance, die mich am Ende des Tages zufriedener macht. Natürlich schaffe ich auf diese Art nicht mehr das Arbeitspensum von früher. Aber brauche ich das überhaupt? Kann man nicht auf ein wenig Geld verzichten für die Lebensqualität? Mit mehr Pausen bin ich in der Zeit, in der ich am Schreibtisch sitze, dafür umso konzentrierter. Ich erlebe momentan alles viel bewusster, immer wieder aufs Neue erstaunt, dass ich ganz einfache Dinge (einen Stift vom Boden aufheben!) wieder kann, die ein halbes Jahr unmöglich erschienen, und freue mich darüber. 

Und meine Plotbunnys laufen Amok. Den Zusammenhang zwischen Entspannung und Kreativität hat eine Mitarbeiterin des psychologischen Dienstes der Reha-Klinik in einem Vortrag erklärt: Im entspannten Zustand wird die kreative Gehirnhälfte richtig munter. Das lässt sich sogar nachweisen, wenn man die Gehirnströme misst. "Kreatives Dösen" ist also ein fester Punkt auf meinem Tagesplan. Mit dem Ergebnis, dass mir drei neue Buchideen im Kopf rumspuken, sogar aus einem Genre, das ich noch nie geschrieben habe (und jetzt noch nicht verrate). 

Ich hoffe wirklich sehr, dass ich es schaffe, dieses Gefühl festzuhalten. Denn diese ganzen Erkenntnisse mögen noch so banal sein und altbacken - zu wissen, dass man sein Leben selbst in der Hand hat, ist eine Sache. Es zu fühlen, zu be-greifen, ist nicht selbstverständlich. Und ich hoffe, dass ich dieses Gefühl mit euch teilen kann. Ein bisschen am Nestrand rütteln, sozusagen.

Mittwoch, 11. Mai 2016

Gesund werden - Was mir gut tut



Heute, eine Woche nach meiner Bandscheiben-OP, habe ich mit meiner Mama einen Spaziergang im Criewener Lenné-Park gemacht. Und Eis gegessen. Ich fassees selbst nicht ganz , dass ich das schon wieder kann nach dem, was da an meiner Wirbelsäule rumgebastelt wurde. Doktor Gonzalez ist nicht nur ein toller Chirurg, er hat sich auch noch die Zeit genommen, mir ein paar sanfte Tai-Chi-Übungen zu zeigen und wie man richtig im Bett auf der Seite liegt. Trotz aller Besserung muss ich immer noch viel ausruhen, bloß nicht übermütig werden, die goldene Mitte treffen zwischen Bewegen und Heilen.

Das heißt also auch, mir was Gutes tun, an mich denken. Krankheit macht einen recht egoistisch, es tut mir leid, dass ich in diesem Jahr nicht die aufmerksame Freundin sein konnte, die ich sonst gerne sein möchte. Aber es ist auch mal schön, richtig verwöhnt zu werden. Und mir ist aufgefallen, dass ich bescheidener geworden bin, mich über Kleinigkeiten freuen kann, die mir vorher vielleicht zu selbstverständlich waren. Ein paar davon habe ich in meinen Gute-Laune-Kalender geschrieben. Jeden Abend muss ich etwas finden, das mich glücklich gemacht hat, egal, wie furchtbar der Tag oder wie schlecht gelaunt ich sonst war. Dass das ein Konzept aus der Psychotherapie ist, hab ich erst später erfahren, mir kam die Idee von einem meiner früheren Lieblingsbücher, in dem der Adoptivvater seine Tochter jeden Abend auffordert, ihm drei schöne Dinge zu nennen, die sie tagsüber gesehen hat. Später in diesem Kalender zu blättern, heitert mich genauso auf wie andere ihr Happy-Glas (auch eine tolle Strategie).

Was mich im Moment glücklich macht:
- Keine Schmerzen. Das sind im aufrechten Zustand nur ein paar Minuten, aber jeden Tag sind es mehr. Und ich schlafe wieder gut.
- Mein Bett! Das beste Bett der Welt, auch wenn es schon 18 Jahre alt ist und keine ergonomisch-schlagmichtot-Matratze hat.
- Sonne, die in mein Wohnzimmer fällt und mich wärmt.
- Barfuß sein. Kompressionsstrümpfe sind notwendig, aber die Pest, und es ist herrlich warm gerade - aber nicht zu warm.
- Der Duft nach frisch gemähtem Gras und Blüten. Der Frühling legt mit aller Kraft los und gibt  mir Auftrieb.


- Liebe Menschen: Familie und Freunde, die sich um mich sorgen und mir beistehen. Die sollten eigentlich an erster Stelle stehen, aber ich wollte absichtlich mit den Kleinigkeiten anfangen.
- Jetzt folgt das Zeug, das etwas mehr Geld braucht: Internetanschluss. So komme ich nämlich zu Youtube mit den ganzen schönen Nerd-Kanälen und zu meinem lieben Schreibnacht-Chat. Der Runde hab ich es zu verdanken, dass ich für mehrere Projekte neue Musik entdeckt habe, die mir sogar in meiner jetzigen Situation hilft.
- Schreiben, schreiben und immer wieder schreiben. Freitag ist wieder Schreibnacht. Am 13.! Das kann nur Glück bedeuten.

Montag, 18. April 2016

Schreiben ist Medizin oder: Hurra, mein Buch ist fertig

Stilecht stoße ich mit einem Eichstätt-Schnapsbecher auf das Buchende an

Ich hab lange überlegt, ob ich diesen Beitrag schreiben soll. Weil es mir schwer fällt, zuzugeben, wenn es mir mal nicht so gut geht. Aber die Alternative wäre, den Blog Woche um Woche verwaisen zu lassen. Und da der (sogenannte) Kinderfilm "Alles steht Kopf" gerade so anschaulich gemacht hat, dass wir nicht immer die Sonnenscheinchen sein müssen, möchte ich über das schreiben, was mich in diesen Wochen so beschäftigt - und was mich rettet.

Was ich nämlich in meinem ersten Blogeintrag des Jahres so lapidar als Hexenschuss bezeichnet habe, hat sich leider als ausgewachsener Bandscheibenvorfall entpuppt, auch genannt: "Was? In Ihrem Alter?" Nach drei Monaten erfolglosen Therapieversuchen muss jetzt wahrscheinlich doch operiert werden. Ich habe also viele Tage auf meinem Sofa verbracht und mit Schmerzen, kann momentan zwar jede Bewegung ausführen, aber nie sehr lange, mehr als eine halbe Stunde am Stück in aufrechter Position ist purer Stress für den ganzen Körper. Das ist sehr frustrierend und an manchen Tagen bleibe ich einfach gleich liegen und kann mich zu gar nichts aufraffen, weil es mir sinnlos erscheint. Existenzängste, dass mir sowas im zweiten Jahr meiner Selbständigkeit passiert, wo man doch nach der alten Formel drei Jahre braucht, um sich zu etablieren, kommen noch dazu. Gleichzeitig schelte ich mich dafür, so rumzujammern (und wenn auch meistens nur vor mir selbst - hoffe ich), weil es anderen Menschen viel schlechter geht. 

Zum Glück halten diese Depri-Attacken nicht zu lange an. Und selbst, wenn sie da sind, kann ich immer noch eines tun: schreiben. Gerade erst hat sich Harald Martenstein im "Zeit Magazin" geoutet, solch "dunkle Stunden" zu kennen, und sagt über das Schreiben als das einzige Verlässliche: "Es gibt diese eine Zone, in der du dich gut auszukennen glaubst, in der du dein Leben im Griff hast und wo dir nicht mal die Angst etwas anhaben kann. Wenn ich glaube, etwas Gutes geschrieben zu haben, bin ich eine Stunde lang zufrieden, richtig zufrieden". Sein letzter Satz ist: "Und dann geht alles wieder von vorne los." So schlimm ist es bei mir nicht, aber es sind wirklich immer die gleichen destuktiven Gedanken, die sich in den Kopf zurückschleichen, sobald ich nicht aufpasse.

"Schreiben ist Hühnersuppe für die Seele" ist ein anderer Spruch, den ich sehr mag. Wenn ich in der Überschrift Schreiben als Medizin bezeichne, meine ich gar nicht mal das "expressive Schreiben" als Heilmethode aus der Verhaltenstherapie. Davon hab ich keine Ahnung. Und ich weiß auch nicht, ob ich meine jetzige Situation unbewusst in meinem Vampirroman verarbeitet habe. Der war eigentlich von Vorneherein so blutig geplant, um sich von gewissen Romantasies abzugrenzen. Zum einen habe ich so viel geschrieben, weil das im Gegensatz zum Arbeiten am Computer super im Liegen funktioniert (ja, ich meine tatsächlich handschriftlich!). Zum anderen konnte ich vollkommen in meiner Geschichte verschwinden, mir keine Sorgen mehr machen um Andrea, sondern nur um Martin und wie er mit seiner neuen Daseinsforn klarkommt.


Zu hübsch darf das Notizbuch gar nicht sein, sonst traue ich mich nicht, reinzuschreiben

Sehr nützlich war mir dabei mal wieder das Schreibnacht-Forum, vor allem meine lieben "Anonymen Chatter", mit denen ich mich über die Charaktere austauschen und sie weiter vertiefen konnte. Die schwerste Phase war jetzt das Abtippen, weil ich dafür wieder aufrecht stehen musste, aber es stand ja niemand mit der Stoppuhr hinter mir. Gestern Abend habe ich endlich die letzte Zeile ins Dokument eingegeben (und ganz schnell drei Sicherheitskopien gemacht). Dann die Stereoanlage angemacht und mit meinem selbst zusammengestellten Soundtrack zum Buch gefeiert (im "Abspann" läuft für mich "Fugitive" von David Gray - macht euch Gedanken!). Nur das Tänzchen fiel aus.

Ist das Eskapismus? Und wenn? Manchmal hab ich das Gefühl, dieser Eskapismus ist das Einzige, was mich davon abhält, durchzudrehen. Wenn meine Realität momentan daraus besteht, rumzuliegen und auf Arzttermine zu warten, dann flüchte ich doch lieber in meine Fantasiewelt. Und komme gestärkt und gut gelaunt und energiegeladen daraus zurück. "No Pflock" mag zwar fertig sein (was es noch gar nicht ist, das Urteil der Testleser und das Lektorat stehen ja noch aus), aber drei weitere Projekte scharren schon mit den Hufen ...

Dienstag, 8. März 2016

Zum #Frauentag: Die Vorbilder meines Lebens

Ich möchte an diesem Internationalen Frauentag nicht über die großen Namen der Geschichte schreiben, die bahnbrechende Errungenschaften für die Rechte der Frau erkämpft und Grenzen überschritten haben. (Auch wenn ich gestern Abend ein sehr schräges Video auf einem meiner Youtube-Comedy-Kanäle entdeckte, wie junge Amerikaner unsere Kanzlerin und "mächtigste Frau der Welt" wahrnehmen.) Mir geht es hier und jetzt nicht um Politik, sondern um Frauen, die mein Leben beeinflusst haben, ganz persönlich.

Vorbilder ist das falsche Wort. Ich habe keine Vorbilder in dem Sinne, dass ich wie jemand sein möchte. Jeder Mensch muss seinen eigenen Weg finden, um mit sich zufrieden zu sein. Das heißt aber nicht, dass es nicht Menschen gibt, die ich bewundere für Charaktereigenschaften und Dinge, die sie getan haben.

Frauen, die mein Leben prägten - da steht natürlich ganz vorne meine Mutter, ganz klar. Manche Ratschläge, die sie mir gegeben hat, haben sich mir einfach eingebrannt, auch wenn sie sich selbst teilweise gar nicht mehr an diese Gespräche erinnert. Immer sehr geradeaus: "Na, dann geh doch nach Neuseeland!" Und in dem Kopf der Schülerin, die gerade von Fernweh lamentiert, macht es plötzlich "Plop" und ich begreife, dass mir nach dem Abi wirklich jeder Weg offen steht. (Den ich mir leisten kann, aber diese Ernüchterung hat den Aha-Moment nicht geschmälert.) Es ist eben ein Unterschied zwischen es intellektuell wissen und tatsächlich begriffen zu haben. Ebenso, wie es mir sehr viel bedeutet hat, als ich ihr jüngst sagte: "Ich weiß, euch wäre es lieber, ich hätte einen festen Job und regelmäßiges Einkommen" und sie antwortete: "Nein. Weil ich sehe, wie viel glücklicher du bist mit deiner Selbständigkeit."

Sehr beeindruckt hat mich im Alter von 14 die Begegnung mit Chris in der Wildnis von British Columbia. Eine Biologin, die dort allein in einem selbstgebauten Holzhaus wohnte, das nur per Wasserflugzeug oder zu Fuß zu erreichen war. Sie erforschte die kanadische Tierwelt, führte kleine Gruppen Naturinteressierter über die Berge, zeichnete, schrieb auf ihrem solarbetriebenen Computer und backte wunderbares Brot in ihrem Holzofen. Jahre später habe ich sie mal gegoogelt, um überhaupt ihren Nachnamen zu erfahren, und eines ihrer Bücher gekauft. Wer mal richtig Fernweh kriegen will, muss sich nur ihren Blog anschauen!

Diese Kanada-Reise mit meinem Vater brachte mir die Begegnung mit einer zweiten tollen Frau ein: unserer Reiseleiterin Angelika. Sie war eine der ersten Berufs-Busfahrerinnen von Deutschland, auch wenn der Fahrprüfer sie wegen eines angeblichen Rechts-vor-Links-Vergehens durch die erste Prüfung rasseln ließ: "Der Fuß gehört auf die Bremse und eine Frau nicht hinter das Steuer eines Busses." Sie zwang mich, für den Rest der Gruppe die Übersetzerin zu spielen und mein Englisch zu üben, brachte mir das kraftsparende Laufen bei und organisierte am Ape Lake ein Boccia-Spiel mit runden Steinen. Sechs Jahre lang schrieben wir uns nach der Tour noch Briefe, und 2002 schloss ich mich wieder einer ihrer Reisegruppen an, diesmal ab anderen Ende der Welt, in Neuseeland.

Mein Leben wäre wahrscheinlich ganz anders verlaufen, hätte mich nicht kurz vor meinem 15. Geburtstag eine Elli Radinger angerufen. Sie hatte eine Kurzgeschichte von mir auf der Kinderseite unserer Zeitung gelesen und fragte, ob sie sie im "Wolf Magazin" drucken dürfe.  Das war der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit, die bis heute andauert: Anfangs schrieb ich Kurzgeschichten und Buchrezensionen, später groß angelegte Reportagen. Elli vermittelte mir den Kontakt zu Werner Freund, 2006 führte sie mich durch den Yellowstone Nationalpark auf Wolfbeobachtungstour für meine Diplompraxisarbeit. Allein ihre Biografie zu lesen, hat mich wohl langfristig dazu inspiriert, mich selbständig zu machen, obwohl sie eine derjenigen war, die mich am deutlichsten auf die Gefahren hinwies. Danke, meine Liebe!


Es gibt noch viele starke Frauen, die mein Leben begleitet haben (meine Deutschlehrerin Frau Stein, die Goethe vom Sockel holte und die ansteckendste Lache der Welt hat; Maria Held, meine Patin im Journalistik-Studium mit "Arbeitskaffee" und den ermutigendsten Wünschen zum Diplom; Agathe Kunze, mit 91 Jahren eine brilliante Zeitzeugin für meine Diplomarbeit, die mich während meiner Zeit in Stuttgart regelmäßig zur "Veschper" mit intellektuellen Diskussionen einlud, und viele andere). Und es kommen immer wieder neue hinzu, wie meine liebe Kollegin, die Textehexe, die mir den Start in die Selbständigkeit sehr erleichtert hat und großzügig ihre Erfahrung mit mir teilt. (Ich freu mich auf einen Zwergenschnaps in Leipzig!) Ihnen allen möchte ich auf diesem Weg vielen, vielen Dank sagen. Ihr seid klasse! Ich hoffe, ich kann irgendwann auch mal für ein Greenhorn so eine große Stütze sein.