Donnerstag, 23. April 2015

Schreibnacht - der richtige Tritt in den Hintern für Autoren

Ja, ich weiß, nach meinem letzten Beitrag erwarten regelmäßige Leser meines Blogs (nebenbei: danke und schön, dass ihr wieder reinschaut!), dass ich mein Versprechen einlöse und über die Veranstaltung im Nationalpark berichte, wie sich Landwirte/Schaf-/Alpaka-/Pferde-/Rinderzüchter gegen Wölfe schützen können. Aber keine Angst, das Thema Wolf wird uns noch lange beschäftigen. Ich bin momentan nämlich voll im Schreibfieber, und "Schuld" daran ist die #Schreibnacht. Wie ich dieses Thema für meinen Blog-Titel "Grenzverkehr" zurechtbiege? Nun, Grenzen überschreite ich bei der Schreibnacht auf jeden Fall, wenn auch eher der inneren Art: meine Leistungsgrenze oder die Grenze, die der innere Schweinehund mir setzt. Ja, das ist etwas weit hergeholt, aber verklagt mich doch! Über schöne Sachen kann man auch mal Schönes schreiben.

Der Feind: der Schweinehund!

Natürlich entdecke ich alles wieder zu spät: Passend zur 19. Schreibnacht bin ich eingestiegen, habe am Freitag das Jubiläum zum 20. mitgemacht und gestern Abend dann den kleinen Ableger, den "Schreibabend", der sich nur darin unterscheidet, dass er früher anfängt, früher endet und keinen Stargast hat. Jennifer Jäger hat sich das Ganze ausgedacht und ist dafür jetzt sogar schon in der Süddeutschen portraitiert worden: Weil sie in der Schule für ihr Hobby Bücherschreiben ausgelacht wurde (wat sind das für Leute?), hat sie sich Verbündete online gesucht. Jeder sitzt an seinem Rechner, arbeitet an seinem persönlichen Projekt, aber im Forum, auf Facebook und bei Twitter (Platz 5 Freitagnacht - deutschlandweit!) stacheln sie sich gegenseitig an: Wie viele Wörter schafft ihr in der Stunde? Habt ihr euer Ziel erreicht? Man kann an den lustigen Spielchen teilnehmen - "Baue die Zahl 20 (wegen Jubiläum) in deinen Text ein!" -, den Special Guest des Abends (Autor, Verleger, Lektor) mit Fragen löchern oder sich vom Chat so ablenken lassen, dass man auf einmal gar nicht mehr arbeitet.

Ich bin überhaupt keine Nachteule. Ich bin zwar auch kein Frühaufsteher, aber meine größte Leistungsfähigkeit entspricht in der Regel der wissenschaftlich errechneten Kurve: Wenn ich vormittags konzentriert dransitze, schaffe ich am Tag am meisten, abends ist irgendwann Schicht im Schacht, und um zwei Uhr morgens, wenn in der Politik oft die wichtigsten Entscheidungen fallen, liege ich gerne im Bett. Da kommen mir vielleicht die besten kreativen Ideen (und dann ist immer die Frage: Aufstehen und notieren oder sich drauf verlassen, dass man es morgens noch weiß?), aber systematisches Arbeiten? Nee.

An meine erste Schreibnacht bin ich also mit der Einstellung drangegangen, dass ich eh nicht lange durchhalten werde. Eine Kanne Schwarztee, Schokolade - alles schön und gut, aber ich kenn mich doch. Das Ergebnis: Um halb vier Uhr morgens war ich eine der letzten, die aufhörten, und lag danach noch eine Stunde wach, zu sehr mit Adrenalin vollgepumpt, als dass ich hätte schlafen können. Gut, ich schob es auf das Thema - der Protagonist eines Romanprojekts musste seinen ersten Kampf auf Leben und Tod bestreiten. Am Freitag - und gestern Abend - arbeitete ich an einem Sachbuch, einer Anekdotensammlung über Schwedt zwischen 1945 und 1990, die im September zum Jubiläum erscheinen soll. Notizen, historische Daten, durchaus lustig, aber nichts, was einen mit sich reißt. Und es passierte wieder: Ich schrieb wie im Fieber und kam richtig gut voran.

Was passiert da? Brauche ich wirklich den Wettbewerb, um mich zu Höchstleistungen anzustacheln? Ich denke, es hat mehr mit Motivation als mit Konkurrenz zu tun. Wenn sie von Jungautoren um Tipps gebeten werden, sagen viele berühmte Schriftsteller vor allem eins: Schreib! Bring die Ideen aufs Papier, die dir im Kopf rumspuken! Hab keine Angst vor dem leeren Papier/Bildschirm: "Sit your ass down and write!" Seit ich selbständig bin, muss ich mich allein motivieren, und das ist nicht immer leicht, so sehr ich meine Arbeit auch liebe. Gleichzeitig bin ich sehr skeptisch und möchte nicht zu viel von meinen Ideen in die Welt hinausblasen aus Angst, dass mir einer die Idee stiehlt (wie mal eine Zeitschrift, von der ich dachte, dass gerade sie junge JournalistINNEN unterstützen würde, zwar meinen Artikel nicht annahm, aber ein paar Fakten daraus für einen eigenen klaute).

Aber das Schönste an der Schreibnacht ist: Es gibt keine Trolle. Das findet man online wirklich selten, dort, wo sich (scheinbar) anonym jeder auskotzen kann. Ich will auch nicht mehr Kontrolle, aber das heißt nicht, dass ich Lust habe, mich auch noch in meiner Freizeit von Wildfremden bloßstellen und runterziehen zu lassen. Aber in der Schreibnacht-Gruppe sind mir bislang tatsächlich nur hilfsbereite und freundliche Menschen begegnet, die sich gegenseitig Mut machen, das gemeinsame Hobby - oder sogar den gemeinsamen Beruf - zu meistern.

Deshalb hab ich mich auch an der schönen Videoaktion beteiligt, um der Schreibnacht danke zu sagen. Einen Zusammenschnitt wird das Team noch online stellen. Allerdings hab ich jetzt auch ein bisschen Angst: Je berühmter die Schreibnacht wird, desto größer die Gefahr, dass sich doch ein paar Trolle einschleichen.Aber ich denke, wenn wir sie nicht füttern und die Stimmung weiter so konstruktiv bleibt, werden sie sich nicht wohl fühlen und wieder gehen.




Sonntag, 12. April 2015

Wolfsangst 2: Was tun, wenn ein Wolf vor mir steht?

Ich habe von Wölfen geträumt. Ich stand auf einem Hügel und schaute auf eine grasbewachsene Ebene hinunter, als auf einmal ein Rudel von hinten an mich herankam, mich umringte. Die Tiere pressten ihre Nasen an meine Hände. Ich stand ganz still und aufrecht, aus Angst, sie zu verscheuchen. Dann wachte ich auf, mit einem Gefühl großer Glückseligkeit. Hinterher habe ich mich sehr darüber amüsiert, dass ein Traum, der für viele andere der absolute Alptraum wäre, bei mir genau die gegenteiligen Gefühle auslöst.



Als ich im August 2010 im Wolfcenter Dörverden mithalf, mich eine Woche lang um sechs 15 Woche alten Wolfswelpen zu kümmern, amüsierte sich meine Mit-Praktikantin köstlich über mein "Fanverhalten". Sie selbst ist studierte Biologin und sieht die Tiere etwas nüchterner. Aber für mich ging ein Traum in Erfüllung. Meine Erlebnisse habe ich unter dem Titel "Tagebuch einer Wolfsnanny" in der Ausgabe 1/2011 des Wolf Magazins zusammengefasst. Wenn ich deshalb solche Geschichten lese wie aus Niedersachsen, wo eine Frau mit ihrem Golden Retriever von mehreren Wölfen aus dem Wald "hinausbegleitet" wurde, spüre ich zuallererst: Neid. Das klingt für manche absurd, ist aber so. Das heißt nicht, dass ich die Angst der Menschen nicht ernst nehme. Ich habe schreckliche Angst vor Spinnen und man kann mir tausendmal sagen, dass sie nichts tun: Ich bekomme Herzrasen und Schweißausbrüche, wenn ich diese Viecher sehe - selbst wenn sie Wolfsspinne heißen.

Und Wölfe sind sicher mit mehr Vorsicht zu genießen. Wie jedes Tier, besonders jedes Wildtier. Wie jeder fremde Hund und jedes Wildschwein. Wenn ich ein Wolfseminar gebe und die einen Kinder am Ende sagen: "Die sind ja gar nicht so böse" und die anderen: "Es sind ja doch keine Kuscheltiere" - dann habe ich mein Ziel erreicht. Deshalb finde ich es etwas unverschämt, wenn manche Zeitungen "den Naturschützern" pauschal unterstellen, den Wolf zu verharmlosen. Es gab tatsächlich mal eine Tendenz zu behaupten: Es gab keinen Fall, in dem ein gesunder Wolf einen Menschen angegriffen hätte. Aber diese Behauptung habe ich seit mindestens 15 Jahren nicht mehr gehört. Stattdessen setzen sich echte Fachleute ganz offen mit dem Thema auseinander, wie zum Beispiel Elli Radinger in der (mittlerweile überarbeiteten Auflage von) "Wolfsangriffe - Fakt oder Fiktion".

 Odin sucht Schutz zwischen meinen Beinen vor den wilden Geschwistern -
mich zu zwicken ist für die Welpen tabu.

Klar ist: Der Wolf als Symbol für Wildnis ist genauso ein Klischee wie der böse Wolf von Rotkäppchen. Der Wolf ist eines der anpassungsfähigsten Tiere der Welt. In Rom leben die "Spaghettiwölfe" auf Müllkippen, in Rumänien ist vor einigen Jahren Wolfsmutter Timisch regelmäßig auf Nahrungssuche durch die Stadt gelaufen, vorbei an der Bushaltestelle, wo Pendler schon auf dem Weg zur Arbeit warteten. Aber: Das heißt noch lange nicht, dass sie sofort den nächsten Menschen angreifen wird.

Die "Welt" zeigt zu ihrem oben genannten Artikel ein Foto des Wolfs im Wohngebiet von Wildeshausen, das per Bildbearbeitung so weit aufgehellt wurde, dass es nach hellichstem Tag aussieht. Die gleiche Aufnahme in anderen Medien zeigt, dass es dämmerig war. Das Bild ist aus einem Auto aufgenommen, etwas, das einem Wolf weniger Scheu einflößt, weil er es nicht unmittelbar mit "Mensch" verbindet. Die Welt verwendet Zahlen, die nicht ganz zu ihrer Panikmache passen wollen: Neun Fälle in ganz Europa in einem halben Jahrhundert, bei denen ein Mensch durch einen Wolf zu Schaden kam. Da ist natürlich jeder einzelne Fall traurig und zu viel - aber die Statistik steht in keinem Verhältnis zu den Schauermärchen und zu der "gefühlten" Gefahr durch den Wolf. 2013 sind laut Jahrbuch des Statistischen Bundesamtes 18 Menschen an Bienenstichen gestorben, vier wurden vom Blitz erschlagen, zwei von Hunden totgebissen. 300 sollen jährlich nach Schätzungen an Kugelschreiberminen ersticken! Natürlich gibt es weniger Wölfe als Bienen, aber auch in den USA, wo der Wolf in den drei Staaten Minnesota, Wyoming und Montana von der Liste der bedrohten Arten gestrichen ist, schafft er es (anders als der Bison) auf keinerlei Sterbestatistik.

Auch mit ihren Milchzähnchen kriegen die Welpen schon eine Rinderschulter klein

Und nein, auch nicht im Winter wird es gefährlich: Gerade bei viel Schnee hat der Wolf mit seinen großen Pfoten einen großen Vorteil gegenüber Reh und Hirsch, die viel tiefer in der weißen Pracht einsinken. Gerade im Winter haben Wölfe meist genug zu fressen. Die einzelnen Wölfe, denen man jetzt vielleicht begegnen kann, sind Jungtiere auf der Suche nach einem eigenen Revier, die auch mal neugierig um Menschen herumschnüffeln, wenn ihnen keiner Respekt beibringt.

Gerade habe ich ein Interview im Fernsehen mit dem Jäger gesehen, der von einem Wolf "angegriffen" wurde "kurz nach Mitternacht!", wie die Bild dramatisch betont. Schon als ich die erste Aussage las, dachte ich mir: "Angriff" sieht für mich noch anders aus - mit gefletschten Zähnen anspringen oder so. Der Jäger sagte selbst, dass er nicht genau wisse, was das war. Er schoss in den Boden und verjagte das Tier, das auf Schreien nicht reagierte. Das ist etwas beunruhigend und man sollte dringend Verschreckungsmaßnahmen ergreifen wie Beschießen mit Gummigeschossen oder ähnliches. Aber es ist und bleibt trotzdem ein Einzelfall.


2003 hatte ich das Vergnügen, den leider im vergangenen Jahr verstorbenen Werner Freund kennenzulernen. Der "Wolf unter Wölfen" erzählte mir, dass er in seiner jahrzehntelangen Arbeit mit den Tieren zwei brenzliche Situationen hatte, die er beide selbst ausgelöst hatte. Einmal "markierte" er gedankenlos im Revier einen Baum, ein anderes Mal hatte er die Jacke des falschen Wolfsrudels (er hatte mehrere Arten aufgezogen) an beim Betreten des Geheges. Der Leitwolf stürmte auf ihn zu und Freund trat ihm mit voller Wucht vor die Schnauze. Dann verließ er das Gehege, wusch sich, zog die richtige Jacke an - und das Rudel begrüßte ihn so freudig wie eh und je.

Finde den Fehler: Das große Tier ist kein Wolf, sondern ein tschechischer Wolfshund, 
der den Wolfswelpen Manieren beibringen soll. So leicht sind Hunde und Wölfe zu verwechseln.

Also soll man einen Wolf vor die Schnauze treten, wenn man ihm begegnet? Nun, so nah werden Sie ihm wahrscheinlich selten kommen. Aber nehmen wir mal an, Sie leben in Niedersachsen, gehen morgens zur Bushaltestelle und da steht ein Wolf.

1. Sie gehören nicht ins Beuteschema. Wölfe jagen Vierbeiner, die sich nicht so selbstsicher bewegen, als gehöre die Welt ihnen. Der Wolf hat tendenziell eher vor Ihnen Angst als umgekehrt.
2. Stehen Sie also aufrecht und ruhig. Rennen Sie auf keinen Fall weg!
3. Kramen Sie nicht in der Tasche rum, das könnte dem Wolf den Eindruck vermitteln, Sie wollten ihn füttern - wie es vielleicht dumme Menschen schon mal getan haben.
4. Schauen Sie dem Wolf nicht herausfordernd in die Augen, sondern über seine Schulter hinweg. Sie können ihn ruhig ansprechen und ihn sagen, dass er sich verdrücken soll, aber auch rufen und in die Hände klatschen, wenn Sie mögen.
5. Wenn Sie den Rückzug antreten, dann langsam. Aber in den allermeisten Fällen wird er es tun.

Hundertprozentige Sicherheit gibt es nie. Aber wo gibt es die schon?

Eigentlich wollte ich noch etwas zum Thema Wölfe und Nutztiere erzählen nach den neusten Erkenntnissen von einer Infoveranstaltung für uckermärkische Landwirte, die ich besucht habe. Aber der Blog ist schon lang genug, das hebe ich mir für einen anderen Beitrag auf. Ich jedenfalls träume weiter davon, auch in Deutschland einen wilden Wolf zu treffen. Vielleicht mach ich Urlaub in Niedersachsen, wenn die Brandenburger weiter so scheu bleiben.


P.S. vom 15. April: Spannend, dass es zwei so gegensätzliche Meinungen geben kann. Nachdem ich mit einigen Wolfsfachleuten gesprochen habe, die ich kenne, tendiere ich aber doch zu einer Seite: Starrt man dem Wolf jetzt in die Augen oder nicht? Das "nicht in die Augen starren", das ich oben geschrieben habe (und das mir auch vom Landesumweltamt bestätigt wurde), gehört zu den Erkenntnissen aus der Gehegehaltung. Aber das gilt auch für den "Alphawolf" und in freier Natur gelten ganz andere Regeln. Wenn man dem Wolf direkt in die Augen starrt, sagen Elli Radinger und Robert Franck (der Mann, der aktuell in Brandenburg die gerissenen Schafe darauf untersucht, ob's der Wolf war), dann signalisiert man ihm, dass man ihn im Griff hat, dass man keine Unterwürfigkeit zeigt, dass man genauso ein Raubtier ist wie er und er sich besser verdrücken soll. Leuchtet mir ein. Man lernt halt nie aus.

Samstag, 14. März 2015

Leipziger Buchmesse: Papierfüchse, Engel-Vogelgrippe und Qualitätssiegel


Wenn einem frühmorgens im Zug schon ein frisch pensionierter Modedesign-Professor im wahrsten Sinne des Wortes in den Schoß fällt, kann es nur ein besonderer Tag werden. Der ICE nach Leipzig ist völlig überfüllt, dabei gilt der Donnerstag als Auftakt der #Buchmesse noch als einer der ruhigen Tage. Zwei zusätzliche Wagons hat die Bahn angehängt (und sagt dreimal durch, dass alle in Wagen eins und zwei nach vorn kommen müssen zum Aussteigen, weil der Bahnsteig bei der Haltestelle Messe nicht lang genug ist), trotzdem stehen oder sitzen viele Passagiere in den Gängen - oder, in diesem einen Fall, kommen ins Wanken und fallen auf mich drauf. Na ja, für den Rest der Reise habe ich einen lustigen Gesprächspartner. 


Ich bin bislang noch auf gar keiner Buchmesse gewesen, mit Ausnahme einer süßen kleinen, die eine Berliner Uni organisiert hat. Dabei wird seit vielen Jahren die Schülerzeitung meines Vaters regelmäßig in Frankfurt prämiert. Aber, wie viele meiner Autorenfreunde sagen, ist die Leipziger viel besser, da kleiner und persönlicher. Was die so klein nennen! Fünf Hallen, die große Glaskuppel (s.o.) des Eingangsbereichs nicht mitgezählt. Verbunden ist die ganze Konstruktion durch Glastunnel mit Blick auf die Übertragungswagen sämtlicher deutscher Fernsehsender, wie es scheint.


Ich habe mir für den Tag kein großes Programm vorgenommen. Wer nur einen einzigen Tag Zeit hat, kommt ohnehin nicht dazu, sich alle Lesungen anzuhören, und Stargast Patrick Rothfuss ist sowieso erst ab Freitag da (ganz davon abgesehen, dass ich ihm gern seinen eigenen Rat geben will: Statt zu reisen, soll er endlich seine Haupt-Reihe fertig stellen! Das gilt übrigens auch für dich, George!). Ich verbringe also den Tag hauptsächlich mit Herumlaufen, das Angebot der fünf Hallen auszukundschaften, in den ein oder anderen Vortrag/Lesung/Podiumsdiskussion reinzuhorchen (die sich in geschickt aufgebauten Nischen so gut wie gar nicht gegenseitig stören) und vor allem Leute zu treffen, die ich bislang nie persönlich getroffen habe, obwohl sie eine wichtige Rolle in meinem Leben gespielt haben. 


Die Stände sind zum Teil wirklich wunderschön gestaltet. Besonders für Kinder, aber auch für Erwachsene gibt es ein Mitmach-Programm zum Lesezeichen-Basteln, Buchbinden und Drucktechnik ausprobieren.


Die Stadt Halle an der Saale versucht, mit kostenlosem Kaffee Unterstützer zu finden für ihr Anliegen, die Stadt zum Weltkulturerbe erklären zu lassen. Die Fotoaktion dazu ist lustig und ich mach gerne mit: Zwar war ich noch nie in Halle, aber ich hab eine schöne Idee für einen Roman, der in dieser Stadt spielen soll. Deshalb steht sie ganz oben auf meiner Wunschliste für einen Städtetrip.


In Halle 1 findet zeitgleich eine Manga-Convention statt. Ein Teil der Besucher schwappt auch in die anderen Hallen. Es ist schon recht amüsant, wenn seltsame rosa Drachenwesen mit Schwanz und Hörnern zwischen den Ständen herumschlendern. Zwischen den ganzen Narutos und Sailor-Moons fallen mir zwei ins Auge, die endlich mal ein bisschen cooler aussehen. 


Als jemand, der für Computerspiele wenig Geduld hat, ist mir der Ego Shooter "Team Fortress" völlig unbekannt, aber statt ihre Mördertaube auf mich zu hetzen und meinen Brustkorb von innen zerpicken zu lassen, bekomme ich Schokolade mit Marzipan aus dem Top-Secret-Koffer. Danke schön!



Aber ich mache mir ein wenig Gedanken, in welcher Gesellschaft sich Jack Skellington neustens rumtreibt... 


Ansonsten freue ich mich zu sehen, dass die Manga-Fans mit Origami-Falten, Tee-Zeremonie und Bogenschießen auch ein wenig echte japanische Kultur zu sehen kriegen. Was dort allerdings fehlt, ist das "Kamishibai". Das gibt es in Halle 2 beim Stand der Edition Bracklo. Gabriela Bracklo habe ich bisher in Berlin und München getroffen, bald erscheint ein Portrait, das ich über sie geschrieben habe, in der Märkischen Oderzeitung. Das japanische "Puppentheater" hab ich  gekauft und bei einem Wolfsvortrag zum Einsatz gebracht. Es stimmt: Die Kinder sind viel aufmerksamer als bei Power-Point. Ganz davon abgesehen, dass es ein echtes Erlebnis ist.


Vor allem aber erreiche ich mein wichtigstes Ziel für den Tag: den Grenzverkehr zwischen virtueller und realer Welt! Endlich treffe ich ein paar nette Menschen, die ich bislang nur "gelesen" habe auf Facebook oder höchstens mal am Telefon gehört.


Autorin Anna Moffey zum Beispiel, die mit diesen kleinen Papierfüchsen eine der schönsten Ideen für Werbeflyer geschaffen hat, die ich bislang gesehen habe. Leider verpassen wir uns öfter mal im Messechaos, aber meine Buchsignatur habe ich bekommen. 


"Textehexe" Susanne Pavlovic hat gerade ihren neuen Fantasy-Zweiteiler "Feuerjäger" herausgebracht - nur deshalb zwei Teile, weil ihr Verleger über die schiere Länge des Manuskripts entsetzt war. Eine starke Heldin, die gerne Zwergenschnaps trinkt, der natürlich am Stand nicht fehlen darf. Hier erreicht uns übrigens die traurige Nachricht von Terry Pratchetts Tod. Ich habe nicht viel von seiner Scheibenwelt gelesen, zu eingeschüchtert war ich von der schieren Masse der Bücher, aber ich weiß zum Beispiel, dass einer meiner liebsten Autoren, Neil Gaiman, ihn sehr schätzte - und kenne natürlich die ganzen Referenzen auf seine Kultserie.


Susanne hat mir schon viele wertvolle Tipps für mein neues berufliches Standbein Lektorin gegeben, unter anderem, mich beim "Autorenkorrektiv" Qindie zu bewerben. Die Selfpublisher wollen die Qualität in dem ausufernden Markt sichern und haben mich dankenswerterweise nach einer Probearbeit als Partner akzeptiert. Seit Donnerstag stehe ich dort online und freue mich, auf der Buchmesse ein paar Kollegen kennenzulernen.


Kein Besuch wäre komplett, ohne beim Bundesamt für magische Wesen vorbeizuschauen. Die stehen im glichen Gang wie die Bundesregierung, die Agentur für Arbeit und das Umweltamt, und die amüsierten Behördenvertreter decken sich am Stand mit Verlaufmappen und Tassen ein, auf denen vor der Verbreitung der Vogelgrippe durch Engel gewarnt wird. Hagen Ulrich und ich haben gerade in einem Parforceritt noch rechtzeitig zur Buchmesse den dritten Band seiner Vampir-Serie veröffentlichungsreif gemacht. Bis dahin wusste ich nicht mal, dass es "Gay Fantasy" gibt. Ich habe als Frau damit auch einen Riesenspaß und würde das Label gar nicht brauchen. Aber Hagen denkt an die 14-jährigen Jungs, die sich vielleicht noch nicht trauen, sich zu outen, die Ermutigung brauchen und Literatur finden möchten, in der die Hauptprotagonisten nicht irgendwelche Standard-Liebespärchen sind. Super Sache! Ich freu mich drauf, als seine Lektorin Band vier vor den meisten anderen lesen zu dürfen! Und in der Geschichte des BAfmW steckt auch noch ein wunderbarer Zeitungsartikel... aber an einem anderen Tag, wenn ich nicht so wunde Füße habe.

Donnerstag, 26. Februar 2015

Internet, das neue Fernsehen

Ich wollte nie zu diesen Snobs gehören, die über den Niedergang des Fernsehens beklagen. Seit es das Fernsehen gibt, wird darüber geschimpft. Im September 1963 hat sogar die Fernsehzeitschrift (!) "Hörzu" einen Artikel gebracht, in dem ein Hausarzt sich kritisch mit dem Einfluss des Fernsehens auf das Familienleben auseinandersetzt. Spätestens mit der Einführung des Privatfernsehns 1984 sehen viele den Untergang des Niveaus gekommen und machten das gern an "Tutti Frutti" fest.

Aber momentan kann ich auch mal wieder kaum fernsehen. Hier werden Menschen gedemütigt, indem sie Kakerlaken essen, da, indem man auf dem Laufsteg jede Kleinigkeit an ihrem Aussehen oder ihrem Charakter bemängelt. Und ich kenne viele, die das schauen. Nicht, weil sie es gut finden. Langeweile, Ekelfaktor, Schadenfreude? Ich halte mich da raus. Selbst den großen Big Brother-Hype einst habe ich komplett übergangen. In der allerersten Staffel habe ich im Vorbeilaufen an einem Fernseher eine einzige Minute mit diesem Gesicht gesehen und war für den Rest meines Lebens bedient.

Um meinen Snobismus noch weiter zu treiben: Die wenigen Programme, die ich aktuell noch schaue, sind EinsPlus, EinsFestival, ZDFNeo, 3sat und arte. Statt auf RTL suche ich mir Comedy beim NDR. Zu meiner Verteidigung: Mit den Simpsons, gelegentlich Southpark, Big Bang Theory und Game of Thrones kriegt man mich auch dran. Aber: Das sind Formate aus Amerika, und wenn ich die Chance bekomme, schaue ich sie mir lieber auf DVD oder online an, wo ich sie in der Originalsprache habe.

Und hier kommen wir zu meinem Lieblings-Fernsehersatz: Youtube! Hier treffe ich alte Bekannte wieder, die aus der ARD-Mediathek schon wieder rausgeflogen sind aufgrund irgendwelcher Gerichtsurteile: der Tod aus dem Comedy Contest zum Beispiel. Was im Fernsehen zu spät am Abend kommt oder was ich verpasst habe, kann ich hier nachholen, wie meinen Lieblingsjahresrückblick von Urban Priol, für die ich alle anderen gerne sausen lasse. Oder die abgesetzt sind wie "Neues aus der Anstalt" - ein herrlicher Appell für das gute alte Wurstbrot ab Minute zwei. Irgendwann wird jeder große Klassiker mal hier hochgeladen, ob Otto Waalkes, wie er den menschlichen Körper erklärt, oder das geniale Fußballspiel der Philosophen von Monty Pythons mit Aristoteles und Beckenbauer.

Aber natürlich gibt es auch ureigene Formate, die nur für den Videokanal produziert worden sind. Und die müssen gar nicht nur zum Lachen sein. Wenn Kloß und Spinne in der Kneipe am Tresen sitzen und darüber diskutieren, wie gut es ist, dass Nazis böse sind, kann einem das auch mal im Hals stecken bleiben. Als Student der Kinderpsychologie scheut sich "lefloid" nicht, in seinen wöchentlichen, subjektiv gefärbten Nachrichtensendungen, solche heiklen Themen wie Sterbehilfe aufzugreifen und die Jugendlichen zum Nachdenken zu provozieren. Und bei Hyperbol TV ist jede einzelne Folge von "Frag ein Klischee" sehenswert: Fragt einen Soldaten, ob man für den Frieden töten kann, eine Frau mit Kopftuch, ob sich Islam und Feminismus nicht ausschließen und einen Tourette-Kranken, ob er es manchmal ausnutzt, straffrei fluchen zu können. Von den gleichen Machern ist "Disslike", wo sich Promis im weitesten Sinne auf Beschimpfungen via Twitter reagieren. Die meisten kenn ich nicht, aber Jürgen von der Lippe zum Beispiel hat das sehr souverän gemacht.

Und, und, und. Es gibt so viele Talente, die mit Youtube eine Chance bekommen, ein Publikum zu finden (und natürlich auch schon längst irgendwelche Strippenzieher, die darin das große Geld sehen). Ich habe so eine Handvoll, bei denen ich immer wieder reinschaue, wie Jon Cozart, der vierstimmig mit sich selbst singend das Schicksal von Disneyfiguren intelligent mit politischen Themen verknüpft - hier sogar mit deutschen Untertiteln, auch wenn die automatische Übersetzung selbst ein Lacher sein kann. Ein unerschöpfliches Thema sind natürlich Filme und Filmkritiken - und eine der besten Varianten, Logikfehler aufzuzeigen, sind die Zeichentrickfilme, wie sie eigentlich hätten enden müssen.

So, jetzt hab ich euch ein paar Stunden Videomaterial verlinkt. Jetzt wisst ihr, was ich tue, wenn ich krank oder nach einer Zahn-OP verstummt auf dem Sofa liege. Have fun!

Freitag, 13. Februar 2015

Helau, Alaaf, Schandi-Schando - Karneval todernst

Jaja, ich weiß. Wiesbaden bricht schon Brücken ab, um sich gegen den Karnevals-Wahnsinn auf der anderen Rheinseite zu schützen. Schleswig-Holstein bietet sich als Exil an und erklärt, warum die fünfte Jahreszeit die schlimmste des Jahres ist. Aber ich habe hier in Schwedt immer freiwillig die Sitzungen übernommen. Denn so viele Termine, wie man sie in der Uckermark in einer "Session" hat, hat man in Hessen allein an einem Abend! Kinderfasching, Weiberfasching, Prinzenproklamation, Hauptsitzung - und die gleich dreimal -, Kanonenschüsse auf die verfeindete Nachbarstadt zum 11.11.

Ehrlich, da sitze ich die Veranstaltungen hier auf einer Arschbacke ab. Vor allem, weil die uckermärkischen Faschingsfans einen großen Vorteil haben: Sie wissen, wann es gut ist mit einem Witz. Nix vier Stunden Büttenreden, endlose Funkenmariechen-Tänze und ewig in die Länge gezogenen Pointen! Eineinhalb Stunden, knackig kurze Reden, die teils schon Kabarettformat haben, mittendrin Tanz für alle zum Aufwachen. So macht man Fasching in einer Region, wo die Mehrheit ihn hasst - und es lohnt sich, hinzugehen.

Aber im Rheintal nimmt man den Karneval eben nicht nur ernst, sondern todernst, wie Herbert Bonewitz es bei seinem legendären Auftritt als "Prinz Bibi" beschrieb. Damit hat er 1974 die ganze Tradition wunderbar auf die Schippe genommen und ist damit vielen aus der "bundesdeutschen Humormafia" auf die Füße getreten. Im Jahr drauf ist er dann auch ins Kabarett gewechselt. 

Und wenn es um seine Faschingstraditionen geht, da kann der Deutsche richtig ausländerfeindlich werden. Wehe, man ruft in Koblenz "Helau" - es heißt "Olau". Das Kölner Alaaf darf aber auch wirklich nirgendwo sonst erklingen. Und einen kalten Krieg habe ich persönlich in Stuttgart erlebt. Dort kämpfen die Anhänger der schwäbisch-alemannischen "Fasnet" gegen die feindliche Übernahme durch den rheinischen Karneval. Der Oberbürgermeister mag die Prinzessin im Rathaus empfangen, die echten "Larven"-Träger verachten den Pomp zutiefst. 

Ich habe nie eine so seltsame Stimmung erlebt wie dort 2008 beim großen Umzug am Faschingssonntag: Eine Reihe der unterschiedlichsten Traditionsgruppen zieht durch die Innenstadt. Tausende am Straßenrand. Mehr oder weniger schweigend. Bis auf die eine kleine Gruppe, die zufällig den Schlachtruf der gerade vorbeiziehenden Larven kennt. "Schandi-Schando!" Der Rest traut sich nichts zu sagen. Die nächste Gruppe kommt und ein paar andere Zuschauer erkennen sie. "Äiwi voul!" Was bitte? "Hinne Houch", "Sandhase Hopp, Hopp, Hopp", "Frohoi!" - wer soll sich das alles merken und auch noch richtig zuordnen? Und nicht auszudenken, wenn man's falsch macht! Das wäre genauso schlimm wie zu behaupten, Franken seien Bayern! Als mittendrin im Umzug der Wagen des rheinischen Prinzenpaares auftauchte, hatte man den Eindruck, die Zuschauer waren erleichtert, dass endlich mal alle zusammen die Karawane des Sultans weiterziehen lassen konnten.

Aber die Schützengräben verlaufen noch tiefer und trennen Alt und Jung. Denn bei den schwäbischen Hexen kann es manchmal ganz schön rau zugehen. Es gehört dazu, dass Umzugsteilnehmer über die Absperrung springen, sich Zuschauer über die Schulter werfen und sie kräftig durchschütteln. Die haben jedoch keine Lust und wehren sich mit Luftschlangenspray. Die klebrigen Fäden bleiben in den aufwendig geknüpften Flickenkostümen hängen und setzen sich in den Runzeln der über 100 Jahre alten Holzmasken fest. Am Ende waren alle nur noch sauer.

Ich hoffe wirklich, dass die lieben Schwaben es mittlerweile geschafft haben, Frieden zu schließen und sich auf das zu besinnen, was Fasching eigentlich mal sein sollte: Spaß!


Donnerstag, 29. Januar 2015

Integrationstest für Deutsche: Was können WIR tun?

Die Flüchtlingswelle rollt weiter. Und während sich Pegida erfreulicherweise selbst zerlegt, zeigen immer mehr Menschen Gesicht für ein weltoffenes, tolerantes und mitfühlendes Deutschland. Was mich besonders freut: Während in den vergangenen Jahren hauptsächlich darüber diskutiert wurde, was Zuwanderer mitbringen müssen, um sich in Deutschland zu integrieren, kommt jetzt das Thema auf den Tisch, was wir, jeder einzelne von uns, tun können, um ihnen die Integration zu erleichtern.

Die Politik redet da vor allem vom Deutschlernen und das ist natürlich ein guter Anfang. Seit Jahren kämpfen Verbände genau dafür - dass auch diejenigen einen Anspruch auf einen Deutschkurs haben, deren Aufenthaltsstatus in Deutschland noch nicht geklärt ist. Asylbewerber haben Monate, sogar Jahre in irgendwelchen Heimen gesessen und kaum Betreuung erhalten - abgesehen von besonders engagierten Ehrenamtlichen. Von denen gibt es nun immer mehr, ob Sportvereine internationale Trainings anbieten, lokale Wirte ihre Gästezimmer zur Verfügung stellen, Bürger Kleidung, Decken und Hausrat spenden, pensionierte Lehrer Deutsch unterrichten, es gibt immer mehr wunderbare Aktionen, schnell und unkompliziert, ohne auf langwierige politische Entscheidungen zu warten.

Danke schön! Danke an alle, die sich da engagieren.

Denn bei allen tollen "Maßnahmen" ist eins nicht zu ersetzen: Das Gefühl, willkommen zu sein. Dass sich jemand um einen sorgt und einem helfen möchte, selbst wenn er die Sprache nicht spricht. Bei der jüngsten Schwedter Mahnwache hatdas Bündnis gegen Fremdenfeindlichkeit die Nachbarn in den Plattenbauten dazu aufgerufen, einfach mal vorbeizugehen, wenn sie mitkriegen, dass eine Flüchtlingsfamilie einzieht. Einfach zu klingeln und zu fragen, ob sie was brauchen. Als ich in meine Wohnung zug, hat eine Nachbarin aus dem Aufgang übrigens genau das getan. Hier in Schwedt werden die alten Hausgemeinschaften tatsächlich noch gepflegt. Deshalb hoffe ich, dass das auch mit den Flüchtlingen klappen wird.

Ich bin auch nicht endgültig gefeit vor der deutschen Zurückhaltung. Aber ich kämpfe stets dagegen an, biete Austauschstudenten und hilflosen Bahnreisenden meine Hilfe an und habe auf diese Weise noch viele wunderbare Begegnungen mit tollen Menschen gehabt.

Freitag, 16. Januar 2015

Schwedt 10:1 gegen Nazis und Dummheit - eine Mahnwache

Endlich kommt die bislang schweigende Masse aus dem Sessel hoch, statt Pegida und Konsorten die Straße zu überlassen! In ganz Deutschland gibt es Demonstrationen und Mahnwachen von Menschen, die zeigen wollen, dass wir kein Land von engstirnigen Spießern sind, die aus dumpfen Ängsten heraus einen Sündenbock und einfache Lösungen suchen, die nur in den Köpfen rechter Spinner existieren. Ich habe zwar keine Umfrage unter Pegida-Anhängern gemacht, um meine Theorie zu bestätigen, aber die Untersuchung, die die TU Dresden durchführte und die so viel Aufmerksamkeit erregte - "Pegida-Anhänger sind gebildet und verdienen gut" -, ist ja auch nicht repräsentativ, wie Stefan Niggemeier sehr schön erklärt.

Auch in Schwedt gab es heute eine Gegendemonstration des Bündnisses gegen Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und Rassismus. Wobei das eigentlich zu viel gesagt ist. In der Rosa-Luxemburg-Straße kam gerade mal ein Dutzend rechter Nasen zusammen, gerade genug, um ihre drei großen Bettlaken-Plakate festzuhalten. Vor der evangelischen Kirche dagegen tauchten zehnmal so viele Menschen zur Mahnwache auf.


Bürgermeister Jürgen Polzehl rechnete vor: 2,5 Prozent der Schwedter sind Ausländer, gut 80 Flüchtlinge aus Syrien hat man mittlerweile in Wohnungen über die Stadt verteilt untergebracht - und es sollen noch mehr werden. Von "Überfremdung" könne gar keine Rede sein. Die Menschen auf dem Platz erinnern sich noch gut an die Aufbauzeit von Schwedt: PCK-Raffinerie, Papierfabrik, Schuhfabrik, sie alle beschäftigten Menschen aus Vietnam, aus Ungarn, aus vielen Ländern. Kaum ein Schwedter heute ist Ur-Schwedter, die meisten sind Zugezogene in einer Stadt, die von 7000 Einwohnern nach dem Krieg auf 52.000 Anfang der 80er emporwuchs. "Die Mecklenburger und Sachsen haben sich am Anfang auch nicht verstanden in den Wohnunterkünften", erinnert sich ein Mann grinsend. Und umgekehrt, sagt die GEW-Chefin: Wie viele DDR-Bürger fanden vor 1989 Zuflucht in Westdeutschland? "Die wenigsten waren politische Flüchtlinge, sondern Wirtschaftsflüchtlinge. Was, wenn sie nicht aufgenommen worden wären?"

Die Flüchtlinge aktuell allerdings wollen nichts weiter retten als ihre Haut, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete Mike Bischoff. "Niemand verlässt freiwillig seine Heimat." Durchquert die Wüste und fährt über das Mittelmeer in Booten, die dafür nicht ausgerichtet sind. Allein 2014 sind über 3000 Menschen dabei gestorben. Diesen Flüchtlingen zu helfen, gebietet allein der Anstand.

120 Menschen bei der Mahnwache - natürlich hätten es in einer Stadt mit 30.000 Einwohnern noch mehr sein können. Aber es ist ein Anfang, die Nazis mit 10:1 nach Hause zu schicken. Und es sind nicht nur die üblichen Engagierten gewesen, sondern auch einige jüngere Schwedter. Das ist wichtig. Vor allem bei der Vorgeschichte. 1996 wurde Schwedt im Spiegel groß zur braunen Stadt erklärt, ein Artikel, der sich heute noch im Netz finden lässt, auch wenn die Schwedter ihn gern vergessen würden. Ich habe mich mit ein paar Leuten vom Karthaus-Jugendclub unterhalten, die damals die Rangeleien mitbekamen. Das Karthaus galt als Sitz der linken Jugend und wurde regelrecht von Glatzen belagert - gab aber nicht klein bei.

Kurz bevor ich in die Oderstadt kam, hatte ein neuer Rassismus-Vorwurf die Runde gemacht: Der schwarze Ausländerbeauftragte Ibraimo Alberto, der als Musterbeispiel der Integration galt, war aus Schwedt "geflohen". Eine Geschichte, die schwer zu durchschauen ist. Ich habe Menschen getroffen, die sich als gute Freunde von Herrn Alberto bezeichnen (unter anderem aus besagtem Bündnis gegen Fremdenhass) und schockiert sind von den pauschalen und heftigen Vorwürfen - sie vermuten dahinter auch Journalisten, die alles etwas zuspitzen. Nicht, dass sie von "Lügenpresse" sprechen wollen - das ist der Terminus der Leute, die mit Pegida auf die Straße gehen.

Ich habe nicht den Eindruck, dass Schwedt besonders rassistisch ist - und zum Glück gibt es Menschen, die scharf aufpassen, um den Anfängen zu wehren. Aber wenn der Bürgermeister hinterhältige Kommentare zugetragen bekommt, weil das erste Schwedter Baby, das er im Jahr 2015 begrüßt, ein Flüchtlingskind ist, zeigt das, dass der Kampf nicht ausgestanden ist.

Ich habe mich mal mit einem jungen Mann aus Südafrika unterhalten, der einige Zeit in Schwedt verbrachte auf einem Austausch. Auch wenn er nie wirklich offenen Rassismus erfuhr (abgesehen davon, beim Stadtfest von Kindern angestarrt zu werden und zu hören, wie sie die Eltern fragen, ob das abfärbt), hatte er auch nie das Gefühl, wirklich daheim zu sein in Schwedt. Echte Freunde fand er in der Multikulti-Stadt Berlin. Das ist einfach traurig! Was können wir also tun, um Menschen zu zeigen, dass sie hier willkommen sind? Statt über Deutschtests für Ausländer zu reden, sollten wir darüber reden, was WIR tun können, um die Integration zu verbessern. Dann klappt's auch mit dem Nachbarn.




P.S. August 2015: Mittlerweile werden die Pläne für ein Flüchtlingsheim in Schwedt konkreter. Damit brechen auch leider die latenten Vorurteile durch, die doch in vielen Menschen drinstecken. Mehr dazu unter anderem in meinem neuen Blogbeitrag: "Heim nach Afghanistan"