Donnerstag, 26. Februar 2015

Internet, das neue Fernsehen

Ich wollte nie zu diesen Snobs gehören, die über den Niedergang des Fernsehens beklagen. Seit es das Fernsehen gibt, wird darüber geschimpft. Im September 1963 hat sogar die Fernsehzeitschrift (!) "Hörzu" einen Artikel gebracht, in dem ein Hausarzt sich kritisch mit dem Einfluss des Fernsehens auf das Familienleben auseinandersetzt. Spätestens mit der Einführung des Privatfernsehns 1984 sehen viele den Untergang des Niveaus gekommen und machten das gern an "Tutti Frutti" fest.

Aber momentan kann ich auch mal wieder kaum fernsehen. Hier werden Menschen gedemütigt, indem sie Kakerlaken essen, da, indem man auf dem Laufsteg jede Kleinigkeit an ihrem Aussehen oder ihrem Charakter bemängelt. Und ich kenne viele, die das schauen. Nicht, weil sie es gut finden. Langeweile, Ekelfaktor, Schadenfreude? Ich halte mich da raus. Selbst den großen Big Brother-Hype einst habe ich komplett übergangen. In der allerersten Staffel habe ich im Vorbeilaufen an einem Fernseher eine einzige Minute mit diesem Gesicht gesehen und war für den Rest meines Lebens bedient.

Um meinen Snobismus noch weiter zu treiben: Die wenigen Programme, die ich aktuell noch schaue, sind EinsPlus, EinsFestival, ZDFNeo, 3sat und arte. Statt auf RTL suche ich mir Comedy beim NDR. Zu meiner Verteidigung: Mit den Simpsons, gelegentlich Southpark, Big Bang Theory und Game of Thrones kriegt man mich auch dran. Aber: Das sind Formate aus Amerika, und wenn ich die Chance bekomme, schaue ich sie mir lieber auf DVD oder online an, wo ich sie in der Originalsprache habe.

Und hier kommen wir zu meinem Lieblings-Fernsehersatz: Youtube! Hier treffe ich alte Bekannte wieder, die aus der ARD-Mediathek schon wieder rausgeflogen sind aufgrund irgendwelcher Gerichtsurteile: der Tod aus dem Comedy Contest zum Beispiel. Was im Fernsehen zu spät am Abend kommt oder was ich verpasst habe, kann ich hier nachholen, wie meinen Lieblingsjahresrückblick von Urban Priol, für die ich alle anderen gerne sausen lasse. Oder die abgesetzt sind wie "Neues aus der Anstalt" - ein herrlicher Appell für das gute alte Wurstbrot ab Minute zwei. Irgendwann wird jeder große Klassiker mal hier hochgeladen, ob Otto Waalkes, wie er den menschlichen Körper erklärt, oder das geniale Fußballspiel der Philosophen von Monty Pythons mit Aristoteles und Beckenbauer.

Aber natürlich gibt es auch ureigene Formate, die nur für den Videokanal produziert worden sind. Und die müssen gar nicht nur zum Lachen sein. Wenn Kloß und Spinne in der Kneipe am Tresen sitzen und darüber diskutieren, wie gut es ist, dass Nazis böse sind, kann einem das auch mal im Hals stecken bleiben. Als Student der Kinderpsychologie scheut sich "lefloid" nicht, in seinen wöchentlichen, subjektiv gefärbten Nachrichtensendungen, solche heiklen Themen wie Sterbehilfe aufzugreifen und die Jugendlichen zum Nachdenken zu provozieren. Und bei Hyperbol TV ist jede einzelne Folge von "Frag ein Klischee" sehenswert: Fragt einen Soldaten, ob man für den Frieden töten kann, eine Frau mit Kopftuch, ob sich Islam und Feminismus nicht ausschließen und einen Tourette-Kranken, ob er es manchmal ausnutzt, straffrei fluchen zu können. Von den gleichen Machern ist "Disslike", wo sich Promis im weitesten Sinne auf Beschimpfungen via Twitter reagieren. Die meisten kenn ich nicht, aber Jürgen von der Lippe zum Beispiel hat das sehr souverän gemacht.

Und, und, und. Es gibt so viele Talente, die mit Youtube eine Chance bekommen, ein Publikum zu finden (und natürlich auch schon längst irgendwelche Strippenzieher, die darin das große Geld sehen). Ich habe so eine Handvoll, bei denen ich immer wieder reinschaue, wie Jon Cozart, der vierstimmig mit sich selbst singend das Schicksal von Disneyfiguren intelligent mit politischen Themen verknüpft - hier sogar mit deutschen Untertiteln, auch wenn die automatische Übersetzung selbst ein Lacher sein kann. Ein unerschöpfliches Thema sind natürlich Filme und Filmkritiken - und eine der besten Varianten, Logikfehler aufzuzeigen, sind die Zeichentrickfilme, wie sie eigentlich hätten enden müssen.

So, jetzt hab ich euch ein paar Stunden Videomaterial verlinkt. Jetzt wisst ihr, was ich tue, wenn ich krank oder nach einer Zahn-OP verstummt auf dem Sofa liege. Have fun!

Freitag, 13. Februar 2015

Helau, Alaaf, Schandi-Schando - Karneval todernst

Jaja, ich weiß. Wiesbaden bricht schon Brücken ab, um sich gegen den Karnevals-Wahnsinn auf der anderen Rheinseite zu schützen. Schleswig-Holstein bietet sich als Exil an und erklärt, warum die fünfte Jahreszeit die schlimmste des Jahres ist. Aber ich habe hier in Schwedt immer freiwillig die Sitzungen übernommen. Denn so viele Termine, wie man sie in der Uckermark in einer "Session" hat, hat man in Hessen allein an einem Abend! Kinderfasching, Weiberfasching, Prinzenproklamation, Hauptsitzung - und die gleich dreimal -, Kanonenschüsse auf die verfeindete Nachbarstadt zum 11.11.

Ehrlich, da sitze ich die Veranstaltungen hier auf einer Arschbacke ab. Vor allem, weil die uckermärkischen Faschingsfans einen großen Vorteil haben: Sie wissen, wann es gut ist mit einem Witz. Nix vier Stunden Büttenreden, endlose Funkenmariechen-Tänze und ewig in die Länge gezogenen Pointen! Eineinhalb Stunden, knackig kurze Reden, die teils schon Kabarettformat haben, mittendrin Tanz für alle zum Aufwachen. So macht man Fasching in einer Region, wo die Mehrheit ihn hasst - und es lohnt sich, hinzugehen.

Aber im Rheintal nimmt man den Karneval eben nicht nur ernst, sondern todernst, wie Herbert Bonewitz es bei seinem legendären Auftritt als "Prinz Bibi" beschrieb. Damit hat er 1974 die ganze Tradition wunderbar auf die Schippe genommen und ist damit vielen aus der "bundesdeutschen Humormafia" auf die Füße getreten. Im Jahr drauf ist er dann auch ins Kabarett gewechselt. 

Und wenn es um seine Faschingstraditionen geht, da kann der Deutsche richtig ausländerfeindlich werden. Wehe, man ruft in Koblenz "Helau" - es heißt "Olau". Das Kölner Alaaf darf aber auch wirklich nirgendwo sonst erklingen. Und einen kalten Krieg habe ich persönlich in Stuttgart erlebt. Dort kämpfen die Anhänger der schwäbisch-alemannischen "Fasnet" gegen die feindliche Übernahme durch den rheinischen Karneval. Der Oberbürgermeister mag die Prinzessin im Rathaus empfangen, die echten "Larven"-Träger verachten den Pomp zutiefst. 

Ich habe nie eine so seltsame Stimmung erlebt wie dort 2008 beim großen Umzug am Faschingssonntag: Eine Reihe der unterschiedlichsten Traditionsgruppen zieht durch die Innenstadt. Tausende am Straßenrand. Mehr oder weniger schweigend. Bis auf die eine kleine Gruppe, die zufällig den Schlachtruf der gerade vorbeiziehenden Larven kennt. "Schandi-Schando!" Der Rest traut sich nichts zu sagen. Die nächste Gruppe kommt und ein paar andere Zuschauer erkennen sie. "Äiwi voul!" Was bitte? "Hinne Houch", "Sandhase Hopp, Hopp, Hopp", "Frohoi!" - wer soll sich das alles merken und auch noch richtig zuordnen? Und nicht auszudenken, wenn man's falsch macht! Das wäre genauso schlimm wie zu behaupten, Franken seien Bayern! Als mittendrin im Umzug der Wagen des rheinischen Prinzenpaares auftauchte, hatte man den Eindruck, die Zuschauer waren erleichtert, dass endlich mal alle zusammen die Karawane des Sultans weiterziehen lassen konnten.

Aber die Schützengräben verlaufen noch tiefer und trennen Alt und Jung. Denn bei den schwäbischen Hexen kann es manchmal ganz schön rau zugehen. Es gehört dazu, dass Umzugsteilnehmer über die Absperrung springen, sich Zuschauer über die Schulter werfen und sie kräftig durchschütteln. Die haben jedoch keine Lust und wehren sich mit Luftschlangenspray. Die klebrigen Fäden bleiben in den aufwendig geknüpften Flickenkostümen hängen und setzen sich in den Runzeln der über 100 Jahre alten Holzmasken fest. Am Ende waren alle nur noch sauer.

Ich hoffe wirklich, dass die lieben Schwaben es mittlerweile geschafft haben, Frieden zu schließen und sich auf das zu besinnen, was Fasching eigentlich mal sein sollte: Spaß!


Donnerstag, 29. Januar 2015

Integrationstest für Deutsche: Was können WIR tun?

Die Flüchtlingswelle rollt weiter. Und während sich Pegida erfreulicherweise selbst zerlegt, zeigen immer mehr Menschen Gesicht für ein weltoffenes, tolerantes und mitfühlendes Deutschland. Was mich besonders freut: Während in den vergangenen Jahren hauptsächlich darüber diskutiert wurde, was Zuwanderer mitbringen müssen, um sich in Deutschland zu integrieren, kommt jetzt das Thema auf den Tisch, was wir, jeder einzelne von uns, tun können, um ihnen die Integration zu erleichtern.

Die Politik redet da vor allem vom Deutschlernen und das ist natürlich ein guter Anfang. Seit Jahren kämpfen Verbände genau dafür - dass auch diejenigen einen Anspruch auf einen Deutschkurs haben, deren Aufenthaltsstatus in Deutschland noch nicht geklärt ist. Asylbewerber haben Monate, sogar Jahre in irgendwelchen Heimen gesessen und kaum Betreuung erhalten - abgesehen von besonders engagierten Ehrenamtlichen. Von denen gibt es nun immer mehr, ob Sportvereine internationale Trainings anbieten, lokale Wirte ihre Gästezimmer zur Verfügung stellen, Bürger Kleidung, Decken und Hausrat spenden, pensionierte Lehrer Deutsch unterrichten, es gibt immer mehr wunderbare Aktionen, schnell und unkompliziert, ohne auf langwierige politische Entscheidungen zu warten.

Danke schön! Danke an alle, die sich da engagieren.

Denn bei allen tollen "Maßnahmen" ist eins nicht zu ersetzen: Das Gefühl, willkommen zu sein. Dass sich jemand um einen sorgt und einem helfen möchte, selbst wenn er die Sprache nicht spricht. Bei der jüngsten Schwedter Mahnwache hatdas Bündnis gegen Fremdenfeindlichkeit die Nachbarn in den Plattenbauten dazu aufgerufen, einfach mal vorbeizugehen, wenn sie mitkriegen, dass eine Flüchtlingsfamilie einzieht. Einfach zu klingeln und zu fragen, ob sie was brauchen. Als ich in meine Wohnung zug, hat eine Nachbarin aus dem Aufgang übrigens genau das getan. Hier in Schwedt werden die alten Hausgemeinschaften tatsächlich noch gepflegt. Deshalb hoffe ich, dass das auch mit den Flüchtlingen klappen wird.

Ich bin auch nicht endgültig gefeit vor der deutschen Zurückhaltung. Aber ich kämpfe stets dagegen an, biete Austauschstudenten und hilflosen Bahnreisenden meine Hilfe an und habe auf diese Weise noch viele wunderbare Begegnungen mit tollen Menschen gehabt.

Freitag, 16. Januar 2015

Schwedt 10:1 gegen Nazis und Dummheit - eine Mahnwache

Endlich kommt die bislang schweigende Masse aus dem Sessel hoch, statt Pegida und Konsorten die Straße zu überlassen! In ganz Deutschland gibt es Demonstrationen und Mahnwachen von Menschen, die zeigen wollen, dass wir kein Land von engstirnigen Spießern sind, die aus dumpfen Ängsten heraus einen Sündenbock und einfache Lösungen suchen, die nur in den Köpfen rechter Spinner existieren. Ich habe zwar keine Umfrage unter Pegida-Anhängern gemacht, um meine Theorie zu bestätigen, aber die Untersuchung, die die TU Dresden durchführte und die so viel Aufmerksamkeit erregte - "Pegida-Anhänger sind gebildet und verdienen gut" -, ist ja auch nicht repräsentativ, wie Stefan Niggemeier sehr schön erklärt.

Auch in Schwedt gab es heute eine Gegendemonstration des Bündnisses gegen Fremdenfeindlichkeit, Gewalt und Rassismus. Wobei das eigentlich zu viel gesagt ist. In der Rosa-Luxemburg-Straße kam gerade mal ein Dutzend rechter Nasen zusammen, gerade genug, um ihre drei großen Bettlaken-Plakate festzuhalten. Vor der evangelischen Kirche dagegen tauchten zehnmal so viele Menschen zur Mahnwache auf.


Bürgermeister Jürgen Polzehl rechnete vor: 2,5 Prozent der Schwedter sind Ausländer, gut 80 Flüchtlinge aus Syrien hat man mittlerweile in Wohnungen über die Stadt verteilt untergebracht - und es sollen noch mehr werden. Von "Überfremdung" könne gar keine Rede sein. Die Menschen auf dem Platz erinnern sich noch gut an die Aufbauzeit von Schwedt: PCK-Raffinerie, Papierfabrik, Schuhfabrik, sie alle beschäftigten Menschen aus Vietnam, aus Ungarn, aus vielen Ländern. Kaum ein Schwedter heute ist Ur-Schwedter, die meisten sind Zugezogene in einer Stadt, die von 7000 Einwohnern nach dem Krieg auf 52.000 Anfang der 80er emporwuchs. "Die Mecklenburger und Sachsen haben sich am Anfang auch nicht verstanden in den Wohnunterkünften", erinnert sich ein Mann grinsend. Und umgekehrt, sagt die GEW-Chefin: Wie viele DDR-Bürger fanden vor 1989 Zuflucht in Westdeutschland? "Die wenigsten waren politische Flüchtlinge, sondern Wirtschaftsflüchtlinge. Was, wenn sie nicht aufgenommen worden wären?"

Die Flüchtlinge aktuell allerdings wollen nichts weiter retten als ihre Haut, sagt der SPD-Landtagsabgeordnete Mike Bischoff. "Niemand verlässt freiwillig seine Heimat." Durchquert die Wüste und fährt über das Mittelmeer in Booten, die dafür nicht ausgerichtet sind. Allein 2014 sind über 3000 Menschen dabei gestorben. Diesen Flüchtlingen zu helfen, gebietet allein der Anstand.

120 Menschen bei der Mahnwache - natürlich hätten es in einer Stadt mit 30.000 Einwohnern noch mehr sein können. Aber es ist ein Anfang, die Nazis mit 10:1 nach Hause zu schicken. Und es sind nicht nur die üblichen Engagierten gewesen, sondern auch einige jüngere Schwedter. Das ist wichtig. Vor allem bei der Vorgeschichte. 1996 wurde Schwedt im Spiegel groß zur braunen Stadt erklärt, ein Artikel, der sich heute noch im Netz finden lässt, auch wenn die Schwedter ihn gern vergessen würden. Ich habe mich mit ein paar Leuten vom Karthaus-Jugendclub unterhalten, die damals die Rangeleien mitbekamen. Das Karthaus galt als Sitz der linken Jugend und wurde regelrecht von Glatzen belagert - gab aber nicht klein bei.

Kurz bevor ich in die Oderstadt kam, hatte ein neuer Rassismus-Vorwurf die Runde gemacht: Der schwarze Ausländerbeauftragte Ibraimo Alberto, der als Musterbeispiel der Integration galt, war aus Schwedt "geflohen". Eine Geschichte, die schwer zu durchschauen ist. Ich habe Menschen getroffen, die sich als gute Freunde von Herrn Alberto bezeichnen (unter anderem aus besagtem Bündnis gegen Fremdenhass) und schockiert sind von den pauschalen und heftigen Vorwürfen - sie vermuten dahinter auch Journalisten, die alles etwas zuspitzen. Nicht, dass sie von "Lügenpresse" sprechen wollen - das ist der Terminus der Leute, die mit Pegida auf die Straße gehen.

Ich habe nicht den Eindruck, dass Schwedt besonders rassistisch ist - und zum Glück gibt es Menschen, die scharf aufpassen, um den Anfängen zu wehren. Aber wenn der Bürgermeister hinterhältige Kommentare zugetragen bekommt, weil das erste Schwedter Baby, das er im Jahr 2015 begrüßt, ein Flüchtlingskind ist, zeigt das, dass der Kampf nicht ausgestanden ist.

Ich habe mich mal mit einem jungen Mann aus Südafrika unterhalten, der einige Zeit in Schwedt verbrachte auf einem Austausch. Auch wenn er nie wirklich offenen Rassismus erfuhr (abgesehen davon, beim Stadtfest von Kindern angestarrt zu werden und zu hören, wie sie die Eltern fragen, ob das abfärbt), hatte er auch nie das Gefühl, wirklich daheim zu sein in Schwedt. Echte Freunde fand er in der Multikulti-Stadt Berlin. Das ist einfach traurig! Was können wir also tun, um Menschen zu zeigen, dass sie hier willkommen sind? Statt über Deutschtests für Ausländer zu reden, sollten wir darüber reden, was WIR tun können, um die Integration zu verbessern. Dann klappt's auch mit dem Nachbarn.




P.S. August 2015: Mittlerweile werden die Pläne für ein Flüchtlingsheim in Schwedt konkreter. Damit brechen auch leider die latenten Vorurteile durch, die doch in vielen Menschen drinstecken. Mehr dazu unter anderem in meinem neuen Blogbeitrag: "Heim nach Afghanistan"

Sonntag, 11. Januar 2015

Je suis Charlie und die Sprachlosigkeit

Sprachlosigkeit. Ja, deshalb melde ich mich so spät zu Wort zu dem Thema, das keinen Journalisten kalt lassen kann. Ausgerechnet in dem Moment, in dem wir alle besonders laut unsere Stimme erheben müssen, fehlen mir die Worte. Mir fehlt auch die Vorstellungskraft, wie es sein muss, in der Redaktionskonferenz zu sitzen - und plötzlich stürmen Maskierte mit Waffen herein und eröffnen das Feuer. Ich kannte die Satirezeitung Charlie Hebdo, ein französisches Kultblatt, bisher gar nicht.

Dieser Blogeintrag ist also so etwas wie meine persönliche Bankrotterklärung. Ich bin kein politischer Journalist. Von Berufs wegen verfolge ich die Nachrichten und bin damit vielleicht politischer als der Durchschnitt der Bevölkerung. Aber meine Stärken sind die "weichen" Themen: Kultur, Natur, Soziales - auch wenn natürlich die Politik in alle Bereiche hineinspielt. Die wichtigste Aufgabe des Journalismus - der Politik auf die Finger schauen, zu kritisieren, Missstände aufzudecken und anzuprangern - überlasse ich gerne kompetenteren Kollegen. Ich könnte mir nie vorstellen, als Kriegsfotografin oder -berichterstatterin in Krisengebiete zu reisen.

Jetzt aber ist das Krisengebiet direkt vor unserer Haustür. Überall. Plötzlich macht sich die "Zeit-Online"-Redaktion darüber Gedanken, dass ihre Redaktion in Berlin eine Glaswand hat. Niemand kann dabei unpolitisch bleiben. Aber es fällt mir schwer, meine Meinung in Worte zu fassen, weil es momentan so viele kluge Analysen und pointierte Satiren darüber gibt. Selbst damit, "Je suis Charlie" ganz unbefangen zu teilen, tue ich mich schwer, weil ich weiß, dass ich nie so in der Schusslinie stand oder stehen werde. Ich kann auch nicht zeichnen, um so meiner Wut Ausdruck zu verleihen. Klar ist:

1. Fanatiker aller Art sind gefährlich.
2. Religionen scheinen besonders viele Fanatiker hervorzubringen. Der Islam hat da kein Patent drauf.
3. Kein Gott, gerade wenn er so allmächtig sein sollte, kann ernsthaft wollen, dass solche beschränkten Kleingeister in seinem Namen töten.
4. Selbst die Glaubensbrüder sagen, dass solche Anschläge nicht mit dem Islam als Religion zu vereinbaren sind: http://grenzverkehr.blogspot.de/2014/11/glaube-vorurteile-is-ein-konvertierter.html
5. Satire muss nicht gefallen. Meinungsfreiheit verteidigt man gerade da, wo man selbst nicht übereinstimmt. Die "Titanic" wurde vom deutschen Presserat wegen einer Karikatur zum Missbrauchskandal in der katholischen Kirche gerügt. Deshalb war es trotzdem ein gutes und wichtiges Titelbild.
6. An alle Neo-Nazis, die jetzt schreien: "Wir dürfen unsere Meinung aber nie sagen!" - doch, dürft ihr. Aber wenn ihr dabei andere verletzt, müsst ihr auch die Konsequenzen tragen (s. Rüge vom Presserat). Alle, die immer mit "Das wird man ja wohl nochmal sagen dürfen" kommen, meinen, Meinungsfreiheit hieße, man könne seinen ganzen Müll unangefochten verbreiten. Aber die Diskussion ist Teil der Demokratie. Waffengewalt ist es nicht.
7. Fanatiker und unaufgeklärte Mitläufer auf der Suche nach einfachen Lösungen wie Pediga versuchen nun, diese schreckliche menschliche Tragödie für ihre Zwecke zu missbrauchen.
8. Umso wichtiger sind solche Demonstrationen wie gestern in Dresden.Ich wäre gern hingefahren, wenn ich nicht mit Bronchitis ans Bett gefesselt wäre.
9. Jetzt in blinden Aktionismus zu verfallen und unliebsame Gesetze wie die Vorrtsdatenspeicherung durchdrücken zu wollen, ist billig und nutzlos. Frankreich HAT die Vorratsdatenspeicherung - und?

Andere Menschen haben das viel eloquenter ausgedrückt. Deshalb hier eine Sammlung meiner persönlichen Favoriten:
- der unsterbliche Kurt Tucholsky: Satire darf alles!
- der Meister der Beleidigung, Oliver Kalkhofe über die "buckelnden, schleimenden Anhänger, welcher Religion auch immer"
- stracks geraderaus für Jugendliche erklärt: LeFloid
- an die "Lügenpressehasser": Bernd Ulrich
- Niemand kann so weitermachen wie bisher: Alice Bota
- Der Mensch hinter der Zeitschrift: Chefredakteur Charb
- Je suis Charlie weltweit
- Nur ein kleiner Ausschnitt: die Reaktion der Karikaturisten

Mehr gibt es nicht zu sagen.

Dienstag, 30. Dezember 2014

Von Mr Hyde bis Harry Potter: Edinburgh, die Stadt, die Autoren beflügelt


Schon erkannt? Was im Hintergrund wie ein Schloss aussieht, ist die George Heriots School in Edinburgh. Warum man das kennen sollte? Gut, im Film sah es etwas anders aus, trotzdem soll dieses 1628 als Hospital erbaute Gemäuer für J. K. Rowling das Vorbild für ihre Zauberschule Hogwarts gewesen sein. Das behaupten zwar auch noch andere Schulen in der Stadt, aber weil Hariots direkt neben dem Greyfriars Kirkyeard liegt - und direkt in Sichtweite des Cafés "Elefant House", in dem Rowling saß und schrieb -, ist das die wahrscheinlichste Erklärung. Allerdings lernen die rund 1600 Schüler in einer erheblich weniger gefährlichen Umgebung auch mal sowas wie Schreiben und Rechnen - etwas, wo Harry Potter und Co später mal einigen Nachholbedarf haben werden!
Dieser Grabstein von Thomas Riddell auf dem Greyfriars Kirkyard
 ist zur Pilgerstätte für Harry Potter-Fans geworden

Da war einer der Ansicht, dass Harrys Onkel auch einen Grabstein verdient hat, 
wenn schon Lord Voldemort  hier liegt

Für das Café ist das natürlich willkommene Werbung

Einen etwas deftigeren Geschmack hat Ian Ranking, der seinen Lieblings-Pub, die Oxford Bar, eins zu eins in seine Rebus-Krimireihe übernommen hat und seinen Inspektor dort fleißig Bierchen kippen lässt. Die Bar ist winzig klein und schon vom Geruch wird man besoffen - aber die Stammkunden an der Theke nehmen die Fans aus Deutschland mit Humor.

Rowling und Rankin sind vielleicht die jüngsten, aber bei weitem nicht die einzigen Beispiele für Schriftsteller, die sich von der schottischen Hauptstadt mit ihren alten Häusern und verwinkelten Gassen haben inspirieren lassen. Arthur Conan Doyle wird zwar von vielen mit London in Verbindung gebracht, doch er ist in Edinburgh geboren. Vor allem: Hier lernte er als Medizinstudent Joseph Bell kennen, einen berühmten Forensiker, der später am Fall von Jack the Ripper mitarbeitete und Doyle als Vorbild für seinen Sherlock Holmes diente.

Rowling ist auch nicht die erste, die Namen von Grabsteinen klaute. Charles Dickens, zu Besuch bei einem Freund, ging morgens auf dem Canongate Kirkyard spazieren. Auf einem Grabstein las er: "Ebeneezer Scrooge - mean man". Meine Güte, dachte sich Dickens, was hat dieser Mann getan, dass ihn seine Erben noch auf dem Grabstein als gemein, hinterhältig und geizig bezeichnen? Und das in einer Zeit, wo sich nur die Reichen einen Grabstein leisten konnten, es also unmöglich ein verurteilter Verbrecher sein konnte. Dickens grübelte darüber nach und schrieb schließlich "A Christmas Carol", seine vielleicht berühmteste Geschichte vom Geizhals Scrooge, der von den drei Weihnachtsgeistern zu einem besseren Menschen bekehrt wird. Hätte Dickens jedoch seine Brille dabei gehabt, hätte er die wahre Inschrift lesen können: "Ebeneezer Scroogie - meal man" - zum Gedenken an einen freundlichen Menschen, der den Alten und Kranken ihre Mahlzeiten ins Haus brachte.  Auch wenn die Geschichte zu sehr nach Anekdote klingt, ist klar, dass die Stadt Charles Dickens sehr beeindruckte.
Die Statue von Robert Fergusson vor dem Canongate Kirkyard. Der Dichter starb 
1774 im Alter von nur 24 Jahren im Irrenhaus. Trotzdem beeinflusste er das Werk von Robert Burns, 
einem der schottischen Lieblinge.

In einer niedlichen kleinen Seitenstraße der Royal Mile ist übrigens das Writer's Museum zu finden, das sich den drei Großen der Stadt gewidmet ist: Robert Burns, Sir Walter Scott und Robert Louis Stevenson. Ersterer ist vielleicht nur den Schotten wirklich bekannt und selbst die können seine Gedichte, die er in drei verschiedenen Dialekten schrieb, nicht ohne Übersetzung verstehen. Zweiterer hat selbst Goethe Respekt abgerungen und nach seinem Tod errichtete man dem Autor von "Ivanhoe" mitten in der Stadt ein Monument, das sich vor keiner Kathedrale verstecken muss. Stevenson ist natürlich am besten dokumentiert mit seinen Reisen - und der beliebteste. Seit über 70 Jahren gibt es einen Fanclub, der jeden Donnerstagnachmittag im Museum für Fragen der Besucher zur Verfügung steht.
Viele Touristen stolpern zufällig ins Museum, weil ihnen das
"Lady Stair's House", erbaut 1622, so gut gefällt


Von ihm stammt auch die spannendste (und im Gegensatz zu Dickens belegte) Geschichte, wie das widersprüchliche Edinburgh und seine dunklen Seiten einen Autor unmittelbar auf eine Geschichte gestoßen haben: Stevensons Familie war nämlich eng mit dem Tischler Deacon William Brodie befreundet, der als ehrenwerter Bürger im Stadtrat saß und unter anderem einen Untersuchungsausschuss leitete, der eine mysteriöse Einbruchserie in die Häuser der besseren Gesellschaft aufdecken sollte. Das Problem: Brodie selbst war der Kopf der Räuberbande! Spielschulden brachten ihn dazu, seine Freunde auszuspionieren und nachts ihre Schränke aufzubrechen, zum Teil mit den Ersatzschlüsseln, die er als Macher dieser Schränke in seiner Werkstatt hatte! Das ging einige Zeit gut, bis ein paar Handlanger geschnappt wurden und ihn verrieten. Brodie wurde 1788 erhängt, an einem Galgen, den er selbst (mit Falltür) entworfen hatte. Ein ziemlicher Schock für den kleinen Robert, der den Gauner als lieben Onkel kannte. Ganz klar, welche Geschichte dabei herauskam: Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr Hyde. Eine Geschichte so kultig, dass sie in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist und sogar von den Toten Hosen als Vergleich herangezogen wird. Und jedem ist klar, woher die Idee mit dem Hulk kommt, oder?
Brodies Pub an der Royal Mile, angeblich nahe des Platzes, wo er gehängt wurde, 
zeigt die beiden Gesichter des Mannes

O ja, ich verstehe sehr gut, warum sich so viele Autoren seit Jahrhunderten von Edinburgh angezogen fühlen. Ich hatte auch gleich das Bedürfnis, mich hinzusetzen und Geschichten zu schreiben. Schaut euch allein diese wundervollen Buchläden an!
Ob bis zum Bersten vollgestopft mit Second-Hand-Büchern oder ein edles Ambiente, in dem die Cover präsentiert werden als die Kunstwerke, die sie sind:




Und ich habe selbst dort Hinweise auf Weltliteratur (im populären Sinne) gefunden, wo sie gar nicht beabsichtigt waren!
Ein Geschäft namens Rohan direkt neben einem weißen Baum? Leider waren die Kollegen alle miteinander keine Fantasyfans, deshalb musste ich mich allein darüber freuen. Ebenso wie über "Castle Rock" - na gut, es ist schon einige Jährchen her, dass Stephen King seine fiktive Lieblingsstadt untergehen ließ.

Der Meister der Überraschung und des Hauptcharaktere-Tötens hat zwar mit Edinburgh nun wirklich nichts zu tun, aber ich mag die Werbung:

Ja, da stecken noch viele, viele Geschichten drin, in dieser Stadt. Und ich hatte nur zwei Wochen Zeit - und obendrein mit Arbeit vollgestopfte Wochen -, um einen Bruchteil davon zu erkunden. Auf jeden Fall möchte ich eines Tages zurückkehren und weiter forschen und mich inspirieren lassen. Allein  dieses Graffiti erzählt einen Krimi, habe ich das Gefühl:







Sonntag, 21. Dezember 2014

Referendum, Musik, Whisky und Männer in Röcken: Besuch in Schottlands Hauptstadt

Blick von Arthur's Seat auf Edinburghs Altstadt mit Burg (oben links) 
und Holyrood Palace, Sommersitz der Queen (unten rechts)

Den schottischen Nationalstolz bekomme ich schon am ersten Abend in einem Edinburgher Supermarkt zu spüren. Ich kaufe zwei Kanister mit je fünf Liter Wasser. Der Mann an der Kasse: "Mögen Sie kein Leitungswasser?"
Ich: "Na ja, da ist Chlor drin, das ist nicht so mein Fall."
Er: "Wir haben das beste Leitungswasser der Welt! Kennen Sie London? Wenn Sie vorher in London gewesen wären, wüssten Sie das Wasser hier zu schätzen."

Ich übersetze hier die Gespräche frei aus dem Gedächtnis. Überraschenderweise hatte ich relativ wenig Probleme, die Schotten zu verstehen. Allerdings ist die Hauptstadt noch vergleichsweise harmlos, was den Dialekt betrifft. Verzeihung - wie mir schon vor Jahren ein schottisches Pärchen auf Urlaub in Bayern erklärte: Schottisch ist kein Dialekt, sondern wie Englisch eigentlich gesprochen gehört!
Selbst die Engel spielen Dudelsack im St. Giles Cathedral

Und dass es kaum Verständigungsschwierigkeiten gab, war nur gut. Denn was mich in diesen zwei Wochen in Edinburgh am meisten beeindruckt hat, waren die Schotten selbst: Unglaublich freundliche und offene Menschen, mit denen man sehr leicht ins Gespräch kommen kann - zumindest in dieser Nebensaison, wo alles ein bisschen entspannter ist und die Stadt nicht überquillt von Touristen wie zu Zeiten des Festivals. Ich war dort mit einem EU-Programm, um mit einer Gruppe Journalisten einen englischen Reiseführer zu erstellen. Den gibt es auch bald als E-Book, der Link folgt noch.

Das gescheiterte Referendum für die Unabhängigkeit von Großbritannien ist immer noch ein Thema und keineswegs tabu. "Wer geschlagen ist, kommt umso stärker zurück", kommentiert Liz, eine süße alte Dame, die im Teehaus an meinem Tisch sitzt und der ich so eine kämpferische Aussage gar nicht zugetraut hab. Ben, unser Guide beim Stadtrundgang, hat mit "Ja" für die Unabhängigkeit gestimmt, versteht aber, warum die Gegner gewonnen haben. "Die Idee kam von den Politikern, nicht von den Menschen. Die wollten nur der Labour Party wegen des Kriegs eine Absage erteilen", sagt er.

Ben: Lebendige Stadtführung - nur manchmal etwas zu schnell

Während wir uns in unsere Mäntel mummeln und lange Unterhosen tragen, rennt Ben in Shorts herum. Aber eigentlich kein Wunder, dass ihm nicht kalt wird: Wenn er von der Geschichte Schottlands erzählt, ist der ganze Körper im Einsatz. Wir  müssen ihn gelegentlich in seinem Redefluss bremsen, weil er zu schnell wird. Besonders viel Temperament zeigt er in seiner Schmährede auf den Film "Braveheart". Einfach alles hat Mel Gibson falsch gemacht: Die blaue Farbe ist 600 Jahre zu spät und der Ehrenname Braveheart bezog sich historisch auf Robert de Brus, dessen einbalsamiertes Herz nach seinem Tod den Kreuzrittern vorangetragen wurde, um ihnen in der Schlacht Mut zu machen. "Nicht mal den Soundtrack haben sie richtig hingekriegt, das sind irische Dudelsäcke, keine schottischen!", schimpft Ben.

Cesare und Mario von "Acid Tuna" sind aus Spanien nach Edinburgh eingewandert

Musik spielt in Edinburgh eine große Rolle. Selbst im Winter stehen entlang der Royal Mile, die von der Burg bis zum Sommerpalast der Königin führt, Straßenmusikanten, und zwar nicht nur Dudelsack-Spieler. Mario und Cesare sind extra aus Spanien eingewandert, weil sie die Live-Musik-Kultur von Edinburgh so schätzen. "In Spanien ist mal ein Ton zu laut und sofort erstatten die Nachbarn Anzeige. Als Musiker ist man fast ein Verbrecher", erklärt Mario, der mit seinem weißen Kontrabass "Mrs. Robinson" zupft. In Edinburgh finden sie immer einen Gig, fast jeden Abend gibt es in irgendeinem Pub Live-Musik bis morgens um eins und die Schotten empfangen die beiden Spanier mit offenen Armen. 

Selbst die Traditionstänze werden so ganz nebenbei und ohne Tamtam, einfach mit Spaß gepflegt. Jeden Dienstagabend spielt eine andere Band in der Summerhall und über hundert Leute jeden Alters treffen sich, um Ceilidh zu tanzen. Mich erinnern die Formationen an Mittelaltertänze - nur etwa doppelt so schnell. Einfach nur zuschauen ist nicht, ehe ich's mich versehe, bin ich mittendrin, hab bald Seitenstechen und einen Drehwurm und unendlich viel Spaß. 

(danke Lydia für das Bild von mir im freien Flug - meine armen Tanzpartner!)

Die Männer im Kilt, erkennt man schnell, sind meist die, die Ahnung haben. Aber jeder Anfänger ist willkommen. Die Band und die freundlichen Mittänzer erklären gern, wie die Schritte gehen, und wenn man mal durcheinanderkommt, lachen sie freundlich. Ein Hochleitungssport nach meinem Geschmack!


 
Anfänger und Profis, rund 100 Leute in einem großen Saal. 

Dudelsack, Kilt, was fehlt noch an typischen schottischen Klischees? Natürlich der Whisky. Dass in diesem Jahr beim World Whisky Award ein Japaner das Rennen gemacht hat, hat bei vielen Schotten geradezu Entsetzen ausgelöst. Nicht, dass der japanische schlecht wäre, beeilen sie sich zu versichern, aber besser als die einheimischen? In den Fußstapfen von Prinz William und Kate besuchen wir die Destillerie, wo "The Famous Grouse" hergestellt wird. Es ist ein Fest für die Nase, denn in jedem Raum riecht es anders. 

 Highland-Feeling

 Schön verkosten können wir aber auch im Pub "The Diggers", so benannt nach den Totengräbern, die das Lokal zwischen zwei Friedhöfen für einen Absacker nutzen. Weil nicht genug Platz ist für alle, lande ich am Tisch mit Don. Nachdem der seinen einzigen deutschen Satz zum Besten gegeben hat ("Deutschland über alles") geht es im Gespräch bergauf. Er mag Deutschland, hat es halt noch als Angehöriger der britischen Armee erlebt, ist aber ein Fan der schönen Städte und der friedlichen Wiedervereinigung. Don hat gegen das Referendum gestimmt. "In der EU geht es doch darum zusammenzuwachsen. Warum sollen wir da unser eigenes Ding drehen?"

 Whiskytrinken unter Dons Anleitung im "Diggers"

Don erklärt mir, wie ich Whisky richtig genieße: erst schnuppern, dann einen kleinen Schluck über die Zunge rollen lassen, dann einen kleinen Schuss Wasser rein, damit sich nochmal ganz neue Aromen entfalten. Den Juror vom Whisky Award will Don mal in die Finger kriegen, ihn ins Diggers schleifen und ihn mal was durchprobieren lassen. Und dann soll der nochmal behaupten, die Japaner seien besser!

Eine Stadtführung der feuchteren Art


Es geht aber bei Weitem nicht nur ums Saufen in dieser Stadt. Kulturell hat Edinburgh viel zu bieten. Der Eintritt in die Museen ist fast überall kostenlos, ebenso in Galerien. Ich verbringe ein Mittagessen im The Stand Comedy Club, das mir viel Bauchschmerzen bereitet. Nicht das Essen, das ausgezeichnet ist, sondern weil ich so viel lachen muss. Zwei Stunden Improvisationstheater mit Stu und Garry, und das Ganze zum Preis von einem Burger! Einmal greifen sie sogar eine Idee von mir auf. Die Aufgabe: Ein Moderator (Gaststar) interviewt einen Experten (Stu), während Greg mit einem Opfer aus dem Publikum die "Bebilderung" des Berichts darstellt. Die Zuschauer dürfen reinrufen, für was Stu Experte sein soll. Hier ein Video, was sie aus meinem Vorschlag - das Leben des gewöhnlichen Kängurus - gemacht haben. 

  

Aber ich mach mich ja auch gern selbst zum Affen. Und deshalb ist für mich ein Höhepunkt der Reise der Abend im Storytelling Café gewesen. 


Das ist nur das Haus von außen, eines der ältesten Gebäude an der Royal Mile, von ca. 1490. Aufzeichnungen habe ich keine zu diesem Abend, an dem ich einfach nur mal genießen wollte, wie Geschichten erzählt werden. Einmal im Monat ist da nämlich offenes Mikrofon. Gastgeber Douglas lässt am Anfang ein Buch herumgehen und jeder, der einen Beitrag leisten will, kann seinen Namen und ein Stichwort eintragen. Da gibt es eine Australierin, die zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee erlebt hat an diesem Tag und schrecklich friert, aber ein sehr schönes Gedicht über einen Sommersturm in Australien vorträgt. Ein Anthropologe, der gerade aus dem Amazonas zurückgekehrt ist, bringt ein Lied vom Lebensbaum mit. Tja, und wie soll ich da ausschlagen, ein deutsches Gedicht zum Besten zu geben? Passend zur Saison (und weil es eines ist, was ich noch kann) wähle ich "Knecht Ruprecht". Meine Pantomime mit meinem Schirm als Rute löst große Erheiterung aus. 30 Leute, die zusammensitzen und sich was erzählen - wie herrlich! Und ein nettes schottisches Pärchen bittet mich sogar an ihren Tisch, damit ich nicht alleine sitzen muss. 

Ich bin natürlich nicht die erste und einzige, die die Freundlichkeit der Schotten und die Schönheit ihrer Hauptstadt entdeckt hat. Aber ich hätte nie damit gerechnet, dass der Typ, den ich auf dem Weihnachtsmarkt auf Englisch anquatsche, ausgerechnet ein Auswanderer ist  - aus Schwedt! 


Christian Schmidt preist auf dem deutschen Weihnachtsmarkt Glaskunst an


Christian Schmidt ist vor elf Jahren nach Edinburgh gezogen. Und nur eine Woche zuvor habe ich mit seiner Mutter beim gemeinsamen Adventskonzert der Schwedter Chöre auf einer Bühne gestanden! Kann mal jemand diese Wahrscheinlichkeit ausrechnen? Eigentlich ist Christian Krankenpfleger, aber in der Adventszeit hilft er einem Freund auf dem Weihnachtsmarkt aus. Denn auf einem deutschen Weihnachtsmarkt erwarten die Schotten einen deutschen Akzent des Verkäufers, auch wenn er aus der Schweiz oder aus Neuseeland kommen sollte. Tja, wenn mich eine Stadt bisher selbst zum Auswandern gereizt hat, dann diese...

Und weil der Blog jetzt schon zu lang ist, gibt es eine Fortsetzung. Nächstes Mal: Wie Edinburgh Autoren von Charles Dickens bis J.K. Rowling inspiriert hat.