Donnerstag, 18. September 2014

Waldkunst




Da hat sich ein Drache im Unterholz versteckt, offensichtlich ein Verwandter von Frau Mahlzahn. Gefunden habe ich ihn im Wald bei Woltersdorf. Ich mache gerade eine Weiterbildung bei Blattwerk Naturpädagogik Berlin. Die haben glücklicherweise eine ganz andere Ansicht vom Lernen als besagte Drachendame, und deshalb dürfen wir erst mal selbst austesten, was wir später den Kindern weitergeben wollen. Oder auch den Erwachsenen - wer sagt, dass nur Kinder Spaß haben dürfen?

Ist das jetzt Kunst oder kann das weg? Wann ist etwas künstlerisch wertvoll? Ich habe zum Beispiel große Probleme, Beuys zu verstehen, und keine noch so tolle Erklärung kann mich überzeugen. Aber es ist Kunst. Und für mich ist es auch Kunst, wenn Kinder etwas malen oder basteln. Wer's nicht glaubt: Heute wird übrigens an den Uckermärkischen Bühnen Schwedt die Ausstellung des 47. Internationalen Zeichenwettbewerbs eröffnet. Im vergangenen Jahr habe ich mit Ronald Paris in der Jury gesessen und selbst 2000 Bilder aus 18 Ländern von China bis Argentinien bewertet. Das war echt hart. Die Kriterien, die am Ende wirklich Ausschlag gaben, waren schlicht: Sagt uns das Bild was? und: Ist es authentisch? Dort, wo große wie kleine Künstler etwas von sich selbst hineingeben und nicht nur abmalen oder allein eine vorgekaute Botschaft vermitteln wollen, dort beginnt für mich Kunst.

Sie zu bewerten, ist sehr viel härter. Und ohne den Kollegen vom Feuilleton zu nahe treten zu wollen: Manchmal geht eine gewisse elitäre Vorstellung von Kunst total am Geschmack der Zeitungsleser vorbei. Was nutzt es, sich im Elfenbeinturm einzurichten?

LandArt und Naturkunst sind fast noch schwerer zu greifen. In der Natur entdecken wir viele "Kunstwerke".




Ist das Foto von dem spektakulärsten Abendhimmel, den ich je gesehen habe, ein Kunstwerk? Oder habe ich es zum Kunstwerk gemacht, weil ich es betrachtet habe, ganz zu schweigen von Kameraausschnitt wählen und festhalten? Ich denke, ja. Denn nicht umsonst ist Kunst mit "künstlich" verwandt. Wir Menschen entdecken ein Muster und interpretieren etwas hinein.

Deshalb hat mir am Wochenende das Spiel "Kameramann" am besten gefallen: Ein Partner hat den anderen, der die Augen geschlossen hielt, zu drei "Bildern" geführt, das er in der Natur entdeckte, ihn ausgerichtet und auf den "Auslöser" gedrückt. Zehn Sekunden Augen auf, wieder zu und weiter zum nächsten Foto. Am Ende haben sich beide hingesetzt und das gezeichnet, was ihnen am stärksten in Erinnerung geblieben ist. Bei mir hat sofort Interpretation mit rein gespielt, aber so habe ich nun mal diesen wundervollen, knorrigen, dreigeteilten Eichenstamm gestehen:
Ist das Kunst? Das könnt ihr selbst entscheiden. Aber weg kommt das garantiert nicht!

Samstag, 6. September 2014

Mein Chamsa gegen den Krieg

Manche Schwedter können sich noch an die Nacht vom 18. April 1945 erinnern, als der  Kirchturm in Flammen stand, die Spitze in sich zusammensackte und auf ein Haus stürzte. In diesen Tagen wurden 85 Prozent der Innenstadt zerstört. Die Tabakstadt lag strategisch günstig für die sowjetische Armee auf dem Weg nach Berlin. Einen Wikipedia-Eintrag über den Kampf um den Schwedter Brückenkopf gibt es übrigens nur auf Englisch. 7000 Menschen flohen aus Schwedt, mit Handwagen und einem Kännchen Zuckerrübensirup, das wertvollste, da kalorienhaltigste, Nahrungsmittel. Zu Fuß ging es bis nach Mecklenburg-Vorpommern.

Nein, ich kann mir nicht vorstellen, wie Krieg ist. Und wie viele Menschen 1939 oder 1914 kann ich mir nicht vorstellen, dass der Krieg hier zu uns kommen kann. Aber angesichts der Krisen und Kriege, die uns momentan umzingeln, und der Rolle, die Deutschland als drittgrößter Waffenexporteur dabei spielt, kann ich nicht mehr mit der gleichen Inbrunst der Überzeugung wie als Jugendliche sagen: Zwischen EU, Russland und USA wird es nie wieder solche großen Konflikte geben. Die wären ja dumm!

Es gibt nur so viel Konflikt, den man in eine Viertelstunde Tagesschau packen kann, und die Ukraine ist näher an Deutschland dran. Deshalb ist es um Israel und den Gaza-Streifen in diesen Tagen gerade wieder etwas ruhiger geworden. Trotzdem geht mir das heute Morgen nicht aus dem Kopf, schließlich hat die deutsche Geschichte die Bildung eines jüdischen Staates einst vorangetrieben. Ich kann  kaum anfangen zu verstehen, welche Gefühle der Nahostkonflikt bei Menschen auslöst, die unmittelbar oder deren Verwandten unmittelbar davon betroffen sind. Ich kann kein  vorschnelles Urteil darüber abgeben, wer im Recht oder Unrecht ist.

Aber ich bin froh, dass ein Reporter vom Handelsblatt meinen Eindruck bestätigt, den ich selbst im Gespräch mit jungen Journalisten aus Israel gewonnen habe: Viele aus der Nachwuchsgeneration möchten einfach nur Frieden. Sie beharren nicht auf alten Grenzen und Landrechten, die von den politischen Gegebenheiten her einfach nicht mehr umzusetzen sind, scheren sich nicht um Religion und Rachegelüste. Doch offenbar ist diese Gruppe noch nicht stark und laut genug, um die alte Riege zu beeindrucken.

Im Mai 2013 hat die besagte Gruppe von Journalisten aus Israel Schwedt besucht und die Ausstellung am jüdischen Ritualbad besichtigt. Obwohl ihre Verwandten teilweise unter dem Nazi-Regime gelitten hatten, besaßen sie genug Abstand und Verstand um zu sagen: Es muss weitergehen. Sie bewunderten die Bereitschaft der Schwedter, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und sie nicht zu verschweigen.

Vielleicht ist dazu tatsächlich erst die Generation in der Lage, die den Krieg nicht mehr selbst erlebt hat und auch nicht seine unmittelbaren Folgen. Dass Zeitzeugen langsam aussterben, ist einerseits traurig, weil ihr Wissen und ihre Erfahrung verloren geht. Auf der anderen Seite schadet es manchen Diskussionen nicht, wenn man persönliche Gefühle außen vor lassen kann - dann hört auch diese menschenverachtende Aufrechnung auf, wie viele Menschen im KZ starben und wie viele in Dresden oder auf der Vertreibung. Jeder einzelne Tote ist zu viel!

In der Ausstellung über jüdisches Leben in Schwedt kamen wir auf das Thema jüdische Symbole. Und weil ich leider gerade einen solchen Schlüsselanhänger verloren hatte, den mir ein Freund aus New York mitgebracht hatte, fragte ich nach der Hand mit dem Auge. Das, wurde ich von den Israelis aufgeklärt, sei ein Glückssymbol, das im ganzen arabischen Raum verwendet werde, unabhängig von der Religion. Und am Ende des Interviews schenkten sie mir einen neuen Schlüsselanhänger, mit einem hebräischen Reisesegen auf der Rückseite.

Ich trage ihn seither immer bei mir. Weil er mir Hoffnung gibt, dass wir alle miteinander friedlich leben können. Besonders jetzt, wo es nach dem Gegenteil aussieht.

Freitag, 22. August 2014

Journalisten, die verkappten Schriftsteller

Ich wollte eigentlich mal meine Diplomarbeit über dieses Thema verfassen: die Verknüpfung von Journalismus und Schriftstellerei. Zahlreiche Journalisten, die ich kenne, haben ein unveröffentlichtes Buchmanuskript in der Schublade. Ganz verschämt. Viele geben es ungern zu, vor allem, wenn es sich um einen Roman handelt. Die Grenze zur Fiktion zu überschreiten, da tun sich Journalisten schwer, die ja in der Ausbildung solche Begriffe wie Objektivität, Sorgfalt und Gewissenhaftigkeit eingebleut bekommen haben (oder eingebleut bekommen sollten). Dabei sind viele Regeln des guten Schreibens überall die gleichen.

Eine Recherche, die sich zu einem Sachbuch auswächst, ja, das ist anerkannt. Aber Schriftsteller? Das ist ein Traum, wie ihn Kinder haben. 2013 haben deutsche Verlage laut Börsenverein des Buchhandels 81.919 Titel in Erstauflage herausgebracht, Tendenz steigend. Auf der Frankfurter Buchmesse brechen nur deshalb die Tische nicht zusammen, weil das E-Book auf dem Vormarsch ist. Dabei leben nur zehn Prozent der Autoren hauptberuflich vom Schreiben, so eine Schätzung. Lohnt es sich da überhaupt, in dieses Haifischbecken einzutauchen? Ist das, was ich mir erdacht habe, wirklich so innovativ, spannend und neu, dass es die Welt unbedingt braucht?

Nun, ich werde es ausprobieren. Gerade hat mich eine Literaturagentur unter Vertrag genommen und versucht nun, mein Erstlingswerk an den Verlag zu bringen. Eine Werwolf-Geschichte, die sich an den neusten Stand der Wolfsforschung hält, statt alte Klischees vom Monster oder Natur-Symbol fortzuschreiben. Mehr wird noch nicht verraten, bis ein Lektor mal was dazu gesagt hat.


Genau genommen ist dieses Manuskript nicht das erste Buch, das ich geschrieben habe. Und damit meine ich gar nicht meine Diplomarbeit (letztlich doch ein anderes Thema), die als Buch erschienen ist. Im zarten Alter von elf habe ich "Metzi, das Miststück" an einen Verlag geschickt, grandiose dreizehn Seiten inklusive eigenhändige Zeichnungen von der frechen Katze namens Metzi. Alles in allem war mein Stil sehr beeinflusst von den Büchern, die ich damals las, aber ich war wahnsinnig stolz auf mein Werk.

Und dann kam die Absage. Aber was für eine! Eine großartige Lektorin hat sich hingesetzt und sich viele Gedanken gemacht, einen Brief an ein Kind zu formulieren, ohne es völlig zu entmutigen. Ich besitze diesen wunderbaren Brief noch heute. "Wir haben Dein Manuskript in unserem Lektorat mit Interesse gelesen und uns gefreut, wie nett du erzählen kannst", begann sie. Und erklärte dann, dass die Herstellung eines Buchs viele tausend Mark kostet und man deshalb hohe Ansprüche stellen muss, die mein Buch leider nicht erfülle. "Aber sicher hat Dir das Schreiben Deiner Geschichte sehr viel Spaß gemacht, und das ist doch auch schon etwas sehr Schönes."

Damit reiht sich diese Dame ein neben Tante Gretchen, die mir mein erstes Tagebuch schenkte, und Herrn Pötz, mein Lehrer, der mir erst die Buchstaben beibrachte und dann meine erste Erzählung, bestehend aus drei Sätzen, im Schulflur ausstellte. Sie alle haben meine Liebe zum Schreiben gefördert und mir Mut gemacht, dass es Menschen gibt, die tatsächlich lesen wollen, was ich fabriziere. Denn deshalb bleiben so viele gute Geschichten ungelesen: Weil sich die Autoren nicht trauen, sie aufzuschreiben - oder sie aus der Schublade zu lassen. "Schreib!", lautet die erste von acht Regeln, die der erfolgreiche Fantasy-Schriftsteller Neil Gaiman aufgestellt hat. Also, worauf wartet ihr noch? Ich fang schon mal an!

Montag, 11. August 2014

P.S. Am Straßenrand

Kleiner Nachtrag zu meiner Tramper-Geschichte: Gestern habe ich an der Auffahrt zum Berliner Ring eine Anhalterin mit Benzinkanister aufgesammelt. Schon ihr Winken (nicht Daumen raus, sondern mit flacher Hand "langsamer" signalisieren) hat mir gezeigt, dass sie aus Polen kommt. Sie konnte kaum Deutsch, aber schnell hatte ich die Geschichte begriffen: Auf dem Weg nach Stettin war die Tankstelle doch weiter weg, als das Navi anzeigte. Die Frau stand auf dem Standstreifen und vor der schwierigen Entscheidung, ihre drei Kinder - 13, 8 und 5 - im Auto zurückzulassen und selbst die A10 entlang zur Tanke zu trampen. Was auch sonst im Ausland? Jetzt war sie auf dem Rückweg. Aber das Auto steht auf der Gegenspur. Als wir vorbeifahren, ist da schon eine Streife mit Blaulicht. Die nächste Abfahrt: wegen Baustelle gesperrt. Die Mutter den Tränen nah. Die Kinder können kein Deutsch, haben kein Handy. Werden die Polizisten sie mitnehmen? Ich hab die Erleuchtung: Ich rufe 110 an und sage, dass wir auf dem Weg sind. Endlich an der richtigen Stelle. Die Kinder fallen Mama um den Hals und sie mir.  Die Polizisten verabschieden sich mit Handschlag und ermahnen mich, beim Ausfahren vom Standstreifen in den Spiegel zu schauen.  Jeden Tag eine gute Tat - so verkehrt ist das nicht.

Freitag, 8. August 2014

Werbeoffensive für Jesus


Alle Jahre wieder gibt es in Schwedt eine Großoffensive des Christlichen Plakatdienstes: In einer Stadt, in der 87,5 Prozent der Bevölkerung (Stand 2012) nicht den beiden großen christlichen Kirchen angehören - und die meisten davon einfach konfessionslos sind - tauchen plötzlich Plakate mit erbaulichen Bibelzitaten auf. Meinen die echt, sie können damit jemanden bekehren? "Zu suchen und zu erretten, was verloren ist" - sind damit die ganzen Heiden aus der Ex-DDR gemeint?

Als mir meine Eltern beim Umzug in die Uckermark halfen, sorgte meine Mutter für einen guten Lacher, als sie am Samstagabend beim Plausch mit einer Kellnerin meinte, wir könnten ja sonntags die Deckenlampen in die Platte hämmern, wenn eh alle im Gottesdienst seien. Die Brandenburgerin machte ein völlig verblüfftes Gesicht, wie jemand nur auf so eine Idee kommen könnte. Im gut katholischen Villmar habe ich mir schon Sprüche anhören müssen, wenn ich am heiligen Sonntag mein Motorrad wusch. Erst jetzt im Osten fällt mir auf, mit wie viel christlichem Hintergrund ich aufgewachsen bin: katholischer Kindergarten (damals der einzige in Villmar), Kindergottesdienst (in der evangelischen Nachbargemeinde), Konfirmation, katholische Universität.

In Eichstätt versuchte eine Nachbarin, mich mit Marienbildchen zum katholischen Glauben zu bekehren und erwies sich dabei als hartnäckiger als alle Zeugen Jehovas. Der Vater eines Mitbewohners schmetterte mir, wenn er mich am Telefon erwischte, ein "Gott liebt Sie, Andrea, Sie müssen ihn auch lieben" entgegen. Kurz: Ich kam mir manchmal wirklich wie eine Ungläubige vor, bis ich im Osten meinesgleichen gefunden habe.

Meinesgleichen? Das ist nicht korrekt. Denn vielen Schwedtern fehlt der christliche Hintergrund komplett. Karl Marx bezeichnete die Religion einst als "Opium des Volkes" (nicht "für das Volk") prangerte damit an, sie sei nur dazu da, um das Elend des Proletariats zu rechtfertigen. Unter dem DDR-Regime entwickelten sich die Kirchen zu Widerstandsnestern. Kein Wunder: Wer in der Kirche war, war meist nicht bei den Pionieren und damit Außenseiter, er durfte nicht alles studieren, manchmal nicht mal Abitur machen. So erzählen es mir alte Schwedter, die unter dem christenfeindlichen Klima litten. Keine Ideologie sollte dem Kommunismus Konkurrenz machen.

Das hat Folgen bis heute. Aber auch im Westen geht's der Kirche nicht gut. Missbrauchsskandale und teure Bausünden sorgen dort für Massenaustritte (8000 Menschen haben allein 2013 Tebartz-van Elst' Diözese Limburg den Rücken gekehrt - fast doppelt so viele wie im Vorjahr. Im Artikel stehen 80 Prozent mehr, aber da kann ein Kollege nicht ganz rechnen.) und wirken sich im Osten auf alle Konfessionen aus. "Die Leute machen keinen Unterschied zwischen evangelisch und katholisch", sagte mir ein Mitglied des evangelischen Kreiskirchenrats Uckermark. "Die sagen nur: Was macht dieser Bischof für einen Blödsinn, ich gehe!" Wohlgemerkt - das sind jetzt schon die  Christen, die es eigentlich wissen müssten.

Heißt es automatisch, dass unsere Gesellschaft verfällt, wenn Leute nicht in die Kirche gehen? Das würde ich so nicht unterschreiben. Aber ich bedaure es nicht, den christlichen Hintergrund zu haben. Ich mache mir gerne Gedanken über die Gemeinsamkeiten von Judentum, Christentum und Islam (lieber als über die Unterschiede), die Vorstellung von einem Gott hat Architekten, Musiker, Künstler, Autoren und Philosophen über Jahrtausende hinweg inspiriert und beflügelt, ob sie sich an den Kirchen gerieben haben oder nicht. In Filmen und Büchern gibt es so viele Anspielungen an Bibelgeschichten, die jemand ohne jede Kenntnis davon gar nicht mitbekommt. Kirchliche Einrichtungen übernehmen zahlreiche gesellschaftliche Aufgaben und helfen denen, die es am nötigsten haben. Gottesdienste und Gemeinden geben Menschen Halt und Zusammenhalt. "Wenn es Gott nicht gäbe, müsste man ihn erfinden", da stimme ich Voltaire zu.

Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob es Gott gibt. Aber ich halte es für möglich. Früher dachte ich mal, ich müsste für mich genau festlegen, wie mein Glaube oder Nichtglaube aussieht. Das sehe ich mittlerweile gelassener. Für mich ist frei nach der Theorie des Konstruktivismus (noch ein -ismus, aber was soll's. Den Link müsst ihr nicht lesen. Es ist echt kompliziert.) die Religion nur eine andere Art, die Welt zu sehen, als die der Wissenschaft: Wenn die Wissenschaft etwas beweist, dann nur im Rahmen der Wissenschaft. Und ein Gläubiger sieht jeden Tag den "Beweis" für die Existenz Gottes. Ich habe einen Bekannten, der sagt: "Wenn ich höre, jemand ist gläubig, ziehe ich zehn Punkte von seinem IQ ab." In der Diskussion mit ihm bin ich der größte Verteidiger der Religion. Wenn jemand die Bibel zu wörtlich nimmt, habe ich alle Argumente dagegen parat. Wer sich seiner Wahrheit zu sicher ist, wird schnell intolerant, und daraus entstehen so viele schreckliche Konflikte, werden Menschen verletzt und ausgegrenzt.

So, das ist also die nicht sehr spektakuläre Enthüllung meiner eigenen religiösen Agenda. Und wenn auch nur der allerkleinste Zweifel an dir nagt - glaub mir nicht.

P.S. Übrigens ist der Verein, der diese Plakate aufstellt, nicht mit dem seit über 60 Jahren existierenden Christlichen Plakatdienst Hamburg zu verwechseln. Diesen hier gibt es erst seit 2003 und wird von religionskritischen Internet-Seiten wie Psiram beobachtet. Beim Namen des Vorsitzenden Erhard von der Mark frage ich mich, ob das ein Pseudonym ist. Oder ist der echt ein Nachfahre des "Kardinals von Boullion" (das Herzogtum, nicht die Suppe) aus dem 16. Jahrhundert?

Donnerstag, 31. Juli 2014

Daumen hoch für Daumen raus

Hallo, liebe Freunde des Sommers! Ich bin in den letzten beiden Wochen einige tausend Kilometer in Deutschland unterwegs gewesen und habe dabei einem gefährlichen Risikosport gefrönt - zumindest, wenn man nach den Reaktionen meiner Familie und Freunde geht. Und damit meine ich nicht das Paragliding, bei dem ich mir vor zwei Jahren tatsächlich böse das Bein verdreht hab (und es trotzdem jedem empfehle als wunderbares Erlebnis).


Nein, ich habe auf einer Autobahnraststätte zwei Anhalter mitgenommen. Männliche. Und dabei bin ich auch noch Wiederholungstäter. So wie Reinhard Mey in seinem Lied "Drei Jahre und ein Tag" dafür plädiert, Handwerker auf der Walz mitzunehmen, breche ich eine Lanze für den Anhalter ohne Zimmermannskluft. Warum? Weil es sich dabei meiner Erfahrung nach um interessante und weltoffene Menschen handelt, deren Geschichten eine lange Autofahrt besser verkürzen können als jedes Hörbuch.

Abdullah und Florens zum Beispiel. Die sind tatsächlich Handwerker, aber nur in ihrer Freizeit per Anhalter unterwegs. "Das ist die beste Art zu reisen", sagt Abdullah, während Florens auf der Rückbank, eingepfercht zwischen Rucksäcken, Zelt und Isomatten, sofort einschläft. Die beiden haben ihren Urlaub an der Ostsee verbracht und sind auf dem Weg zurück nach Baden-Württemberg. Drei Stunden auf eine Mitfahrgelegenheit zu warten, ist keine Seltenheit, erzählt Abdullah. Aber um vom Strand wegzukommen, hätten sie eine ganze Weile wandern müssen. Ein Autofahrer habe ihnen aus dem Fenster den Hitlergruß gezeigt und gerufen, sie sollten sich mal die Haare schneiden. "Das ist aber eine absolute Ausnahme", versichert der junge Mann. Was ihn am Trampen reizt? Nicht immer zu wissen, wo es einen hin verschlägt und wie lange man braucht, die interessanten Gespräche und nicht zuletzt der Umweltaspekt. Wenn man ohnehin in die gleiche Richtung will, warum nicht die Abgasschleuder vollpacken?

Auch in Deutschland hat er nie Probleme, an sein Ziel zu kommen, sagt Abdullah. Das überrascht mich ein wenig. Denn wenn ich Freunden erzähle, dass ich Anhalter mitnehme, kommt sofort der Satz: "Bist du mutig!" Und das in eher zweifelndem Tonfall. Ist es möglich, von einem kurzen Blick aus dem Fenster auf den Charakter eines Menschen zu schließen? Ich weiß es nicht. Aber ich bilde es mir ein. Und bislang bin ich noch nicht überfallen und ausgeraubt worden, sondern hatte einfach eine gute Zeit: mit den beiden Jungs, die ich nach Silvester von Bayern bis Hessen mitnahm und die mir von einer Straßenparty in Italien erzählten. Keiner verstand den anderen, alle tanzten. Mit dem polnischen Pärchen, das an einem Feiertag im strömenden Regen nahe Chojna stand, weil kein Bus fuhr. Er sprach gut Deutsch und gab mir Tipps, wo die Blitzer auf der Strecke stehen. Ich kenne Leute, die fahren nicht mal zum Tanken nach Polen, weil sie sich im Nachbarland unwohl fühlen. Manchmal scheint das sogar gerechtfertigt, wenn man an den Tankstellenkrieg von Krajnic Dolny, drei Kilometer vor Schwedt, denkt. Aber das heißt nicht, dass ich ein junges Paar zitternd am Straßenrand stehen lasse.

"Du solltest auch mal Anhalter ausprobieren", sagt Abdullah. Wobei er zugeben muss, dass er bislang nur eine einzige Frau getroffen hat, die alleine als Tramperin unterwegs war. Bis nach Belgrad, das fand selbst er gefährlich. Aber ob ich nicht jemanden hätte, der mitmacht? "Schönere Erlebnisse findest du nicht." Und erzählt mir von der Autofahrerin, die mit jugendlichen Nazis diskutiert, um ihnen einen Weg aus ihrem Hass zu zeigen. Na, ich zögere noch. Und bis ich den Mut finde, lasse ich mir von anderen ihre Abenteuer erzählen, die sie am Straßenrand und in fremden Autos erlebt haben. Da fällt mir ein: Ich hoffe, die beiden hatten ein Handtuch dabei...

Freitag, 11. Juli 2014

Merkel for Queen!

Manchmal ist die Wortwahl entlarvend. Wolfgang Schäuble hat in einem Interview bei Phoenix verraten, dass Kanzlerin Angela Merkel "not amused" sei angesichts der neuen Spionageaffären von US-Geheimndiensten. Übrigens: Deren oberste Repräsentant wurde nicht "ausgewiesen", wie verschiedene Medien schreiben, auch wenn sich die Süddeutsche noch etwas glücklicher ausdrückt als die Welt. Die "Aufforderung zur Ausweisung" (hä?) soll eben verhindern, dass die Bundesregierung zum ultimativen Affront greifenund ihn zur "persona non grata" erklären muss. Mir scheint, die deutsche Medienlandschaft ist kollektiv überrascht, dass Merkel endlich mal klare Worte findet, nachdem sie beim NSA-Abhörskandal doch eher zurückhaltend agierte.

Wortwahl ist mein Thema. "Bei der britischen Königin würde man sagen: not amused" war Schäubles genaue Aussage. Flapsig gemeint, klar, aber interessant. Ist Angela Merkel nicht nur "Mutti", sondern auch Königin von Deutschland? Weil sie unangreifbar scheint, immer gediegen, repräsentativ, gefasst, selten echte Gefühle zeigt? Das Bild meiner Mutter von der englischen Königin wird durch eine winzig kleine Episode geprägt, die vor vielen Jahren im Fernsehen am Rande zu sehen war: Elisabeth II. kehrte von einem Staatsbesuch zurück und wurde am Flughafen mit allem Pomp empfangen. Mit dabei auch der kleine Charles, damals nur wenige Jahre alt, herausgeputzt an der Hand seiner Nanny. "Sie hat ihn nicht mal angesehen, während sie die ganzen Politiker begrüßt hat", erzählt meine Mutter noch heute. Das hat sie der Queen nie verziehen, viel mehr als die zurückhaltende Reaktion angesichts des Todes von Lady Diana.

Den Faden kann man weiterspinnen: Die Queen regiert auf Lebenszeit - Merkel forever? bitte nicht! Aber tatsächlich scheint es aktuell keine Alternative zu ihr zu geben, solange der rote Koalitionspartner keinen Sympathieträger gegen sie aufstellen kann. Die englischen Royals stehen wie die deutsche Regierung unter Sparzwang. Und auch wenn Angela Merkel nicht zuletzt ob ihrer Frisur als Zielscheibe des Spottes angefangen hat, entwickelt sich ein Kult um ihren Stil, ob sie beim Fußball jubelt, beim Kanzlerduell eine scheinbar "falsche" Kette trägt oder ihre Hände in der "Merkel-Raute" hält. Die hat sie sich übrigens von Mr. Burns, dem Atomkraftwerk-Besitzer aus den "Simpsons", abgeschaut und einfach umgedreht, damit sie nicht so böse aussieht - "ausgezeichnet". Obwohl keiner so recht weiß, wofür Angela Merkel eigentlich steht, sind 71 Prozent der Deutschen mit ihrer Politik zufrieden. Selbst ich kann mir manchmal nicht helfen und freue mich, wenn ich sie als bunten Farbfleck inmitten der Anzüge anderer Regierungschefs stehen sehe. Dabei, finde ich, nutzt es nichts, sich über die erste Frau an der Spitze eines Staates zu freuen, nur weil sie eine Frau ist.

An einem Punkt hören die Gemeinsamkeiten zwischen Merkel und der britischen Monarchin auf: Die Queen ist zwar das Staatsoberhaupt von Großbritannien, hat aber keine wirkliche Macht. Den Eindruck macht Angela Merkel nun nicht, auch wenn man nicht genau weiß, welche Lobbyisten wo die Strippen zu ziehen versuchen. Würde sich Schäuble manchmal wünschen, "Mutti" hätte nicht so den Daumen drauf?